Der Begriff "Migrationshintergrund" wurde 2005 eingeführt, um Einwanderung und Integration von Menschen in Deutschland statistisch zu erfassen. Doch das Konzept hat Schwächen. Eine Fachkommission der Bundesregierung möchte ihn deshalb austauschen.

Vor der Einführung des Begriffs "Migrationshintergrund" wurden Menschen, die ab den 1950er Jahren nach Deutschland gekommen waren, als Ausländer in den Statistiken erfasst. Doch besonders ab den 1990er Jahren wurde klar, dass diese Einteilung nicht mehr genug ist. Denn die Statistik hatte einige blinde Flecken: die Migrationserfahrung von Menschen, die zwar Zugewanderte sind, aber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sowie von deren Nachkommen. Sie blieb in der Einteilung nach deutschen oder ausländischen Staatsangehörigen unbeachtet.

Also wurde 2005 der Begriff "Migrationshintergrund" eingeführt. Den haben alle Menschen, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen. Laut des Statistischen Bundesamt waren das 2019 in Deutschland 21 Millionen Menschen. Doch der Begriff ist mittlerweile nicht nur oft negativ behaftet, sondern umfasst eine viel zu heterogene Gruppe von Menschen. Deshalb schlägt die Fachkommission Integrationsfähigkeit nun einen neuen Begriff vor: "Eingewanderte und ihre (direkten) Nachkommen".

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Der Migrationshintergrund als Stigma

Die Journalistin und Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen Thembi Wolf kennt die Problematik des Begriffs aus ihrem Alltag. Ihr Vater kommt aus Südafrika, weshalb sie als Person mit Migrationshintergrund zählt. Doch Thembi ist als Deutsche in einer ostdeutschen Familie aufgewachsen, ihr Vater ist wieder nach Südafrika zurück. Weder sie noch ihre Familienmitglieder hier hatten Migrationserfahrung.

Trotzdem musste sie als schwarze Deutsche diskriminierende Erfahrungen machen, erklärt sie. Deshalb war sie grundsätzlich froh, dass es überhaupt einen Begriff dafür gab. Doch "Migrationshintergrund" sei für ihre Lebensrealität nicht das korrekte Wort.

"Ich bin schwarz. Ich bin als Deutsche aufgewachsen, und ich hatte nie ein Wort dafür. Ich bin bei meiner deutschen Familie aufgewachsen und hab keine Migrationserfahrung und niemand in meiner Familie hat Migrationserfahrung."
Thembi Wolf, Journalistin

Viele Menschen mit Migrationshintergrund denken so wie Thembi. Vor allem, nachdem der Begriff immer wieder in Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen in Verbindung gebracht worden ist, sagt Hacer Kirli, Integrationsbeauftragte der Gemeinde Wennigsen in Niedersachsen. Insbesondere viele Jugendliche wollen sich von dem oft stigmatisierenden Begriff lösen, erzählt sie.

Die Suche nach einem neuen Begriff

Hacer Kirli war Teil der von der Bundesregierung einberufenen Fachkommission Integrationsfähigkeit. Diese hat sich damit beschäftigt, was man tun kann, damit die Integration von Eingewanderten in Deutschland noch besser gelingt. Dabei hat auch die Frage nach zukünftigen Begriffen eine Rolle gespielt.

Auch Susanne Worbs, Soziologin und Mitarbeiterin im Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, war Teil der Kommission. Sie sagt, dass es bei der neuen Begriffsfindung nicht nur um die Frage ging, wie sich ein Begriff auf die Gesellschaft auswirke, sondern auch, ob er tatsächlich noch für wissenschaftliche und statistische Zwecke geeignet sei.

"Neben den Aspekten, wie wirkt so ein Begriff in der Gesellschaft, ist auch die Frage: Ist er tatsächlich für wissenschaftliche und statistische Zwecke noch geeignet?"
Susanne Worbs, Soziologin und Mitarbeiterin im Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

Denn der Begriff "Migrationshintergrund" umfasst mittlerweile eine sehr große und heterogene Gruppe – vom Flüchtling bis zu Jugendlichen, deren Familien seit drei Generationen in Deutschland leben. Hacer Kirli erlebe oft in Gesprächen mit Jugendlichen, die in Deutschland geboren wurden, dass sie gar nicht nachvollziehen könnten, warum sie überhaupt noch als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet würden.

"Jugendliche, die hier geboren sind und sagen, meine Großeltern sind mal eingewandert, fragen mich, warum sie noch als Mensch mit Migrationshintergrund betitelt werden."
Hacer Kirli, Integrationsbeauftragte der Gemeinde Wennigsen in Niedersachsen

Es braucht mehr als nur ein neues Wort

Deshalb schlägt die Kommission nun vor, den Begriff "Migrationshintergrund" zu streichen und ihn durch "Eingewanderte und ihre (direkten) Nachkommen" zu ersetzen. Statistisch solle dann nur noch die Gruppe erfasst werden, bei der die Einwanderung wirklich Auswirkungen habe. Nämlich diejenigen, die selbst nach Deutschland gekommen sind oder wo das auf beide Eltern zutrifft. Die Journalistin Thembi Wolf würde dann nicht mehr dazugehören.

Ob sich der neue Begriff auch durchsetzen wird, hängt davon ab, ob die amtliche Statistik, aber auch Politiker, Medien und alle anderen Menschen in Deutschland den Begriff in ihren Sprachgebrauch aufnehmen. Und sollte das so sein, sei das aber für Thembi Wolf noch lange nicht das Ende der Diskussion. Vor allem nicht, solange Deutsche ohne jegliche Migrationsgeschichte Diskriminierung erfahren.

"Schwarze Menschen in Deutschland werden auch diskriminiert. Die sind teilweise fünfte Generation und sind halt immer noch schwarz und sind immer noch von Rassismus betroffen. Und wir brauchen auch Wörter, um diese Menschen zu erfassen."
Thembi Wolf, Journalistin

Auch für diese Menschen muss es Begriffe geben. Je mehr Wörter, desto besser, davon ist Thembi Wolf überzeugt.