Als Soldat der Wehrmacht war Alfred Andersch im Zweiten Weltkrieg in Italien stationiert. Wie er von der Truppe desertierte, erzählt er in seinem autobiografischen Roman "Die Kirschen der Freiheit". Ein Held ist er darum noch lange nicht.

Ein anderer autobiografischer Text, der nach Anderschs Tod 1980 in seinem Nachlass auftauchte, weckt Zweifel an seiner Darstellung der Fahnenflucht. In diesem Text - "Amerikaner - Erster Eindruck" - beschreibt Alfred Andersch, wie er zufällig den amerikanischen Truppen in die Hände fiel. Diese Darstellung widerspricht dem Image des mutigen Deserteurs.

Analyse der Kriegsgefangenenakte

Zwei Wissenschaftler der Universität Siegen haben versucht zu klären, welcher Text näher an der Wahrheit ist. Sie haben deutsche und amerikanische Militärarchive durchgearbeitet, wo sie unter anderem die Kriegsgefangenenakte von Alfred Andersch ausgewertet haben. Der Germanist Jörg Döring kommt zu dem Schluss, dass in dem Roman "Die Kirschen der Freiheit" keine Widerstandslegende aufgebaut wird.

"Zu der Wahrheit gehört auch, dass Andersch nicht als heroischer Solitär zum Feind übergelaufen ist, sondern dass die Stimmung an diesen Tagen nicht zuletzt in seiner eigenen Kompanie so gewesen ist, dass nicht nur er, sondern allein 16 andere Kameraden aus seiner Kompanie am selben Tag von ihrer Einheit vermisst wurden."
Jörg Döring, Germanist

Wie es zu den widersprüchlichen Darstellungen in den beiden Texten kommt, erklärt sich Jörg Döring mit einer Wende in der Moralvorstellung. Deserteure galten lange nach dem 2. Weltkrieg als Verräter und nicht als Helden. Das erklärt, warum Alfred Andersch in dem Text "Amerikaner - Erster Eindruck", der kurz nach dem Krieg entstand, seine Fahnenflucht verschleierte, während er in dem Roman von 1952, "Die Kirschen der Freiheit", sich als mutigen Deserteur darstellt.