Um Mitternacht Ortszeit (24.06.2018) endete das jahrzehntelange Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Erstmals in der Geschichte des bislang als erzkonservativ geltenden Petrostaates dürfen Frauen ans Steuer. Doch diesen historischen Tag erleben viele Frauenrechtsaktivistinnen im Gefängnis.

Der junge Kronprinz Mohammed bin Salman mischt seit zwei Jahren seine Heimat Saudi-Arabien auf: Die Sittenpolizei sitzt vermehrt im Büro, statt Händchen haltende Paare auf den Straßen zu verfolgen. Kinos wurden nach Jahrzehnten des Verbots wieder eröffnet, Frauen dürfen seit ein paar Wochen ins Fußballstadion, Wrestling-Turniere finden statt, aus den Restaurants dröhnt Musik – alles bis dato undenkbar. Und seit Mitternacht ist jetzt auch das jahrzehntelange Fahrverbot für Frauen beendet. Erstmals in der Geschichte des bislang als erzkonservativ geltenden Petrostaates dürfen Frauen ans Steuer.

"Ich habe darauf gewartet, seit ich zwölf war."
Nada, saudische Autofahrerin

Saudi-Arabien-Korrespondent Carsten Kühntopp hat auf den Straßen der saudischen Hafenstadt Dschidda nach Auto fahrenden Frauen Ausschau gehalten, doch bisher konnte er noch keine sichten. Selbst saß er schon bei der saudischen Fahrerin Nada - bei der Jungfernfahrt über die Straßen ihrer Heimat - auf dem Beifahrersitz. Während ihrer Studienzeit in den USA hatte die Mittdreißigerin den Führerschein erworben und musste diesen nun nur noch umschreiben lassen. Eingestimmt wurden die Saudis unter dem Motto "Glaube und fahre" mit einer groß aufgesetzten Pressekampagne.

"Dieser entscheidende Schritt wird selbstverständlich das Verhältnis der Geschlechter verändern."
Carsten Kühntopp, Korrespondent für Saudi-Arabien

Im patriarchalen Saudi-Arabien sprechen sich angeblich auch die Mehrheit der Männer für die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen aus. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest Umfragen, die von arabischen Medien in Auftrag gegeben wurden. 

Auch Nada berichtet unserem Korrespondenten, dass sich die Attitude vieler männlicher Saudis mittlerweile stark verändert habe. Vor Wochen hätte es in ihrem Bekanntenkreis viele Leute gegeben, die gesagt hätten, ihre Töchter dürften nie und nimmer Auto fahren. Inzwischen seien dieselben Töchter längst bei der Fahrschule angemeldet.

Festnahmen von Frauenrechtlerinnen

Trotzdem ist Saudi-Arabien noch weit davon entfernt, eine Demokratie zu sein. "Die saudischen Behörden haben in den letzten Wochen insgesamt 19 Menschen festgenommen. Vor allem Frauen, aber auch Männer. Davon sitzen elf Menschen immer noch in Haft", sagt Carsten Kühntopp. Laut unserem Korrespondenten seien die aktuellen Festnahmen als ein Zeichen des Könighauses zu werten. Kronprinz bin Salman wolle damit zwei Dinge verdeutlichen: Nicht der Aktivismus reformiere das Land, sondern der Kronprinz. Und der bestimme auch das Tempo und die Zielrichtungen.

Andererseits wolle Kronprinz bin Salman als derjenige betrachtet werden, der hinter den neuesten positiven Entwicklungen stehe - und nicht gleichberechtigt die Erfolge mit Frauen teilen, die jahrzehntelang für ihre Rechte gekämpft haben.