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Heute beginnt das Verfahren gegen Derek Chauvin, den Polizisten, der im Mai letzten Jahres etwa neun Minuten lang sein Knie in den Nacken von George Floyd gedrückt haben- und ihn damit getötet haben soll. Die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig hat zwar keine großen Erwartungen an den Prozess – die Black-Lives-Matter-Bewegung habe aber schon jetzt einiges erreicht.

Die Bilder gingen um die Welt: Der weiße Polizist in Minneapolis, der sein Knie in den Nacken des am Boden liegenden Afroamerikaners drückt. "I can't breathe", klagt Floyd immer wieder – vergebens. Der auf einem Handyvideo festgehaltene Tod des 46-Jährigen sorgte weltweit für Entsetzen. Was am 25. Mai 2020 geschah, löste unter dem Schlagwort #blacklivesmatter eine breite, weltweite Rassismus-Debatte aus. Eine Debatte, die bis heute anhält.

Prozess hat hohe Symbolkraft

Die ersten Tage des Prozesses gegen Derek Chauvin sind für die Auswahl der Geschworenen vorgesehen, inhaltlich geht es erst Ende März los. Der Prozess hat eine hohe Symbolkraft, sagt die französische Politologin Emilia Roig. Die Gründerin des Center for Intersectional Justice hat unter dem Titel "Why we matter – Das Ende der Unterdrückung" gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht.

Viele Aktivistinnen und Aktivisten von Black Lives Matter haben tendenziell geringe Erwartungen an den Prozess. Denn auch in anderen Fällen, in denen es Videomaterial gab, seien weiße Polizisten oft freigekommen. Die Hoffnungen von Emilia Roig sind ebenfalls nicht sehr groß, erzählt sie uns.

"Ich denke nicht, dass sich jetzt alles verändern wird in der Justiz. Rassistische Gewalt und die Straflosigkeit von gewalttätigen Polizisten haben eine lange Geschichte."
Emilia Roig, Politikwissenschaftlerin

Der Prozess stehe allerdings unter besonderer Beobachtung. Sollte er tatsächlich keine spürbaren Folgen und Veränderungen bringen, werde der Widerstand der Black-Lives-Matter-Bewegung noch größer werden, glaubt Emilia Roig. Wir würden dann eine "sehr große Mobilisierung" erleben.

"Eine sehr große Mobilisierung"

Black Lives Matter könne den Prozess in der Tat beeinflussen, glaubt die Politologin. Denn die Bewegung habe eine enorme Reichweite, die auch den öffentlichen Diskurs über strukturellen Rassismus in den USA – und weltweit – beeinflusst hat. In Nigeria, Deutschland, Frankreich oder Belgien: Nach dem 25. Mai 2020 sei plötzlich überall über Polizeigewalt und Rassismus in der Polizei gesprochen worden. Der Druck der Black-Lives-Matter-Bewegung sei groß und spiele auf jeden Fall eine Rolle.

Emilia Roig wünscht sich, dass die Bewegung durch den nun beginnenden Prozess noch einmal zusätzlich an Bedeutung gewinnt.

"Ich hoffe, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung durch den Prozess eine Wiederbelebung erfährt."
Emilia Roig, Gründerin des Center for Intersectional Justice

Ob sich in der US-amerikanischen Gesellschaft durch Black Lives Matter in den vergangenen zehn Monaten bereits grundsätzlich etwas verändert hat – abgesehen davon, dass sehr viele Menschen auf die Straße gegangen sind und das Thema breit in den Medien diskutiert wurde – ist schwer zu sagen.

Veränderung ist ein langer Prozess

Wir befänden uns in einem langen Prozess, sagt Emilia Roig.

"Es ist ein langer Prozess der Veränderung. Und er fängt damit an, in einer anderen Art und Weise über das Problem zu sprechen."
Emilia Roig, Politikwissenschaftlerin

Die Mainstream-Medien hätten der Black-Lives-Matter-Bewegung viel Platz eingeräumt. Dort habe es in den letzten Monaten auch die Bereitschaft gegeben, über die strukturellen Probleme zu sprechen – und zwar "in einer Art und Weise, die sich von der Vergangenheit differenziert", sagt die Politikwissenschaftlerin. Außerdem sei damit begonnen worden, auch historisch über rassistische Polizeigewalt zu sprechen.

"Corona schadet Black Lives Matter kaum"

Dass die alles dominierende Corona-Pandemie das wichtige Thema verdrängen könnte, glaubt Emilia Roig nicht. George Floyd sei bereits mitten in der Pandemie ermordet worden – das hätte nichts daran geändert, dass die Resonanz riesig war.