Feinstaub, Schwermetalle und andere Schadstoffe senken unsere Wirtschaftsleistung um zehn Prozent, behauptet ein Forscher. Der Zusammenhang generell stimmt. Über die "zehn Prozent" lässt sich streiten.

Dass Schadstoffe unsere Gesundheit beeinträchtigen, ist vielfach belegt: Erhöhte Feinstaubkonzentrationen können zu Lungenkrankheiten führen, Schwermetalle schädigen vor allem Ungeborene und Kinder und Asbest kann auch bei Erwachsenen Krankheiten verursachen.

Wichtig bei solchen Zusammenhängen sind immer auch die absoluten Werte: Wie viel von diesem oder jenem Schadstoff führt mit welcher Wahrscheinlichkeit zu welchen Krankheiten? Nur wenn wir das wissen, können wir Grenzwerte formulieren und deren Einhaltung überprüfen. Klar ist: Liegen Schadstoffkonzentrationen über diesen Grenzwerten, sind sie wahrscheinlich schädlich für Körper und Psyche.

Was ist aber mit den Schadstoffen, die unterhalb der Grenzwerte liegen?

Schadstoffe unterhalb der Grenzwerte senken Wirtschaftskraft um zehn Prozent

Der Forscher Philippe Grandjean von der Harvard School of Public Health hat jetzt eine These dazu aufgestellt, die weltweit diskutiert wird: So würden alle Schadstoffe, die unterhalb der festgelegten Grenzwerte liegen, die globale Wirtschaftsleistung um zehn Prozent senken. Oder anders: Diese Schadstoffe machen uns unproduktiver, deshalb sinkt die Wirtschaftskraft um diesen Wert.

Das ist eine steile These, die schwierig zu belegen ist, weil sehr viele Aspekte berücksichtigt werden müssen. Wie soll zum Beispiel eindeutig nachgewiesen werden, dass die verminderte Arbeitsleistung an den Schadstoffen liegt und nicht an irgendetwas anderem?

"Wir wollen in einer chemischen Welt leben."
Volkart Wildermuth, Deutschlandfunk Nova

Es gibt aber Hinweise auf die Richtigkeit von Grandjeans Vorschlag:

  • Kalifornische Erntearbeiter pflücken an Tagen mit viel Ozon in der Luft etwa fünf Prozent weniger Früchte.
  • In Callcentern werden bei hohen Feinstaubwerten weniger Anrufe bearbeitet.
  • An der New Yorker Börse wird an Feinstaubtagen weniger verdient, weil die körperliche und die kognitive Leistung beeinträchtigt ist.
  • In manchen Regionen der USA sind Spuren von Blei im Wasser messbar. In diesen Gemeinden ist der IQ der Kinder etwas niedriger.
  • Bestimmte hormonell wirksame Substanzen wie Plastikzusätze, ältere Flammschutzmittel und bestimmte Pestizide können das Gehirn beeinträchtigen.

Die These "Schadstoffe unterhalb der Grenzwerte führen zu zehn Prozent weniger Arbeitsleistung" ist dadurch allerdings immer noch nicht hinreichend belegt. Das Umweltbundesamt und das Bundesinstitut für Risikobewertung sagen zwar grundsätzlich, dass es Beeinträchtigungen durch Umweltschadstoffe auch unterhalb der Grenzwerte gibt. Ob sich die Auswirkungen konkret beziffern lassen, wird aber bezweifelt.

"Was man positiv sagen kann: Letztlich regeln wir das mit den Umweltschadstoffen offenbar gar nicht so schlecht. Die Lebenserwartung war noch nie so hoch."
Volkart Wildermuth, Deutschlandfunk Nova

Unstrittig ist, dass Schadstoffe so gut wie möglich reduziert werden müssen. Dass wir komplett auf sie verzichten sollten, ist allerdings wahrscheinlich nicht nötig - und erst recht nicht möglich.

"Wir leben in einer chemischen Welt", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Volkart Wildermuth, "und das wollen wir ja auch! Chemie steckt im iPhone, im Auto, und sie ermöglicht eine billige Nahrungsmittelproduktion."

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