Wenn Pfarrer Mussie Zerai ans Telefon geht, hört er manchmal das Meer rauschen. Immer aber hört er Angst. Denn die Menschen, die Mussie Zerais Nummer wählen, befinden sich in akuter Gefahr.

Wie genau seine Nummer in Umlauf gekommen ist, weiß Pfarrer Mussie Zerai nicht so genau. Es war wohl ein Flüchtling in Libyen, der die Nummer des Schweizer Geistlichen an eine Wand in einem Gefängnis geschrieben hat. Darunter folgender Satz: Ruft diese Nummer an, wenn Ihr in Seenot seid. Oder in einer anderen gefährlichen Situation. Seitdem steht das Telefon von Mussie Zerai nicht mehr still.

"Den ersten Hilferuf von einem Boot auf dem Mittelmeer bekam ich 2003. Das war völlig neu für mich. Und ich geriet in Panik. Das Leben dieser Menschen liegt in deiner Hand. Das ist eine Riesenverantwortung."
Mussie Zerai ist Pfarrer in der Schweiz

Jeder von uns kennt diese Bilder: Menschen, die zusammengepfercht auf einem kleinen Boot hilflos im Meer treiben, völlig erschöpft, in den Augen blanke Panik. Aber wenn wir den Fernseher ausmachen oder die nächste Seite ansurfen, dann sind diese Bilder weg. Ein Schatten nur. Ein Rauschen in der Flut der Nachrichten. Was würden wir tun, wenn uns plötzlich einer dieser Flüchtlinge anruft? Würden wir helfen? Oder auflegen und hoffen, dass wir nie wieder mit dieser Verzweiflung konfrontiert werden?

Für Mussie Zerai gibt es nur eine Antwort auf die Frage, was er tun würde. Helfen. Oft ist er die einzige Hoffnung der Menschen. Nicht nur der Flüchtlinge - auch ihrer Angehörigen. Nach all den Jahren hat er eine gewisse Routine entwickelt. Die braucht er, damit er helfen kann. Er muss einen kühlen Kopf bewahren, die richtigen Fragen stellen und die Menschen beruhigen, die ihn oft in höchster Not um Hilfe bitten.

"Wenn ich angerufen werde, dann frage ich, wie ist die Situation. In welchem Zustand ist das Boot. wie viele Leute sind an Bord. Wie viele Kinder, wie viele Frauen. Wie viele davon schwanger. Und dann bitte ich sie, ruhig zu bleiben."
Eine gewisse Routine hilft Pfarrer Mussie Zerai mit der Situation umzugehen

Hilfe aus Schweden

Auch Meron Estefanos kennt die Anrufe, die Pfarrer Mussie Zerai fast täglich erreichen. Sie lebt in Schweden, ist Menschenrechtsaktivistin und moderiert bei Radio Erena, einem Exilradio, das via Satellit von Stockholm in ihre Heimat Eritrea sendet. Meron ist 14 Jahre alt als sie von Eritrea nach Schweden kommt. Seit sie die Sendung "Stimmen der Flüchtlinge aus Eritrea" moderiert, kennen dort viele ihren Namen. Und sie suchen Kontakt zu ihr via Facebook und Twitter.

"The eritrean community is very small. Someone knows someone that knows someone. They know me for many years because of my radio program."
Meron Estefanos kam als 14-jährige von Eritrea nach Schweden

Ihr erster Fall hält sie noch immer gefangen. Sie ruft eine Nummer im Sinai an. Eine Gruppe von 29 Menschen wird von Entführern festgehalten und gefoltert, darunter ein 18-jähriges Mädchen - die einzige Frau. Am Telefon hört sie ihre Schreie:

"So wie sie geschrien hat, das hat mich nicht mehr losgelassen. Das vergisst du nicht mehr in deinem Leben."
Meron Estefanos hat keine Wahl. Sie will helfen, sie muss einfach helfen.

Als Meron Estefanos erfährt, dass fünf Menschen aus der Gruppe bereits tot sind, kann sie nicht mehr anders. Sie will helfen, sie muss einfach helfen. Und wenn sie nicht mehr tun kann, will sie wenigstens das Mädchen aus dieser Gruppe retten. Sie schreibt an die Menschenrechtsorganisation UNHCR und andere große Organisationen, sowie Regierungen. Damit endlich jemand was tut. Aber es passiert nichts. Also beschließt sie, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen.

Dazu muss sie 20.000 Dollar aufbringen - so viel verlangen die Entführer pro Person. Sie beginnt Geld zu sammeln. Bei Freunden, via Social Media - und ist erfolgreich. Es gelingt ihr die 18-Jährige zu befreien. Heute lebt sie in Schweden. Es ist Meron Estefanos erster Fall, aber bei weitem nicht der letzte.

"Die ersten drei Monate waren die schlimmsten meines Lebens. Wenn ich aß, dann fühlte ich mich schuldig. Weil ich wusste: Sie essen nicht. Wenn ich schlief, fühlte ich mich schuldig, weil sie nicht schliefen."
Meron Estefanos kann nicht anders: ihr Mitgefühl treibt sie an

Inzwischen klingelt Meron Estefanos Telefon ununterbrochen. Ihre Freunde flehen sie schon an, doch bitte nicht mehr abzunehmen. Sie wissen, dass am anderen Ende ein bedrückendes Schicksal wartet. Aber Meron Estefanos kann nicht anders. Auch wenn sie am Anfang mit ihrem Schicksal gehadert hat:

"Aufhören? Das ist unmöglich. Anfangs habe ich es versucht, ich hatte das alles so satt. Aber jetzt habe ich es akzeptiert. Das ist mein Schicksal."
Aufhören kann Meron Estefanos nicht