Es ist der 13. August 1961. Es ist der Tag, der Deutschland endgültig in zwei Teile teilt. Und während Einsatzkräfte von Kampfgruppe, Volksarmee und Volkspolizei die Grenze mit Stacheldraht und Barrikaden verriegeln, schlüpft Hans-Joachim Opitz im letzten Moment durch in den Westen.

Schon lange bevor eine Mauer im Gespräch ist, weiß Hans-Joachim Opitz: meine Zukunft liegt in Westberlin. Es ist das Jahr 1961. Im Mai schließt der junge Ingenieur erfolgreich sein Studium an der TU in Dresden ab. Auf eine vorgeschriebene Karriere hat Hans-Joachim Opitz keine Lust. Deshalb tritt er nicht, wie für ihn vorgesehen, eine Position bei den Buna-Werken in Leipzig an, sondern kümmert sich selbst um einen Job. Den findet er auch: beim Elektroamt in Berlin.

"Ich wäre eingegangen in diesem System"

Während das Amt in Mitte liegt wohnt Hans-Joachim Opitz in Köpenick. Am 13. August 1961 erfährt er von seiner 80-jährige Zimmerwirtin, dass Ostberlin abgeriegelt werden soll. Es ist genau dieser Moment in dem der junge Ingenieur den Entschluss fasst: ich gehe. Jetzt sofort. Am späten Vormittag verlässt Hans-Joachim Opitz seine Wohnung in Köpenick - er trägt seinen besten Flanellanzug, hat ein paar Ostmark in der Tasche, seinen Personalausweis und auch den Ausweis für die Sozialversicherung. Das ist alles.

"Ich bin also nach Friedrichstraße gefahren und da war die Hölle los! Da rissen sie die Gleise auf und machten Friedrichstraße zum Sackbahnhof. Das war schockierend!“
Hans-Joachim Opitz über den Tag seiner Flucht

Seiner Tante hinterlässt er eine Nachricht. Wenn er es geschafft hat, schickt er ein Telegramm mit den Worten: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag". Dann macht er sich auf den Weg. Als er an der Berliner Friedrichstraße aus dem Zug steigt, wimmelt es bereits überall von Kampftruppen, Volksarmee und Volkspolizei. Hans-Joachim Opitz sucht verzweifelt einen Weg zur Grenze. Aber nirgends kommt er durch. Fünf Stunden irrt er durch die Gegend bis er doch noch einen Durchschlupf findet. Westberliner haben an einigen Stellen den bereits ausgerollten Stacheldraht wieder durchtrennt. Er geht durch das Loch - und die Soldaten der Volksarmee lassen ihn gewähren.

Allein im Westen

Was das alles bedeutet, wird Hans-Joachim Opitz erst später so richtig bewusst. Er hat es geschafft. Aber seine Eltern, die Verwandten und Freunde muss er zurücklassen. Mehr als zehn Jahre wird er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sein Vater muss ihm in einem Karton mit doppeltem Boden seine Papiere zuschicken. Seine spätere Frau muss unter einem Vorwand alleine in die DDR fahren, um sich ihren zukünftigen Schwiegereltern vorzustellen und wird auch für die nächsten Jahre die einzige sein, die eine Verbindung zwischen ihm und seiner Familie im Osten herstellen kann. Und das erste Wiedersehen nach der langen Zeit mit seiner Mutter, bewegt den sonst eher fröhlichen Hans-Joachim Opitz bis heute:

"Und da stand meine Mutter im Fenster und ließ einen Urschrei los. Das war also eine wahnsinnige Geschichte, dass man sich nach so langer Zeit wiedergesehen hat."
Hans-Joachim Opitz über den Moment des ersten Wiedersehens