Rüber nach England: Das wollen viele Geflüchtete in Calais – komme, was wolle. Oft versuchen sie, mit dem Boot die englische Küste zu erreichen. Doch das ist sehr gefährlich. ARD-Korrespondentin Sabine Wachs war in Calais und hat mit Geflüchteten und der französischen Gendarmerie gesprochen.

Rund 35 Kilometer Strecke müssen die Boote zurücklegen, wenn sie den Ärmelkanal von Calais nach Dover überqueren. Das hört sich im ersten Moment nicht weit an, aber gerade für kleine Boote kann die Überfahrt gefährlich sein: Die Wellen sind hoch und die Strecke gleicht einer viel befahrenen Autobahn. Pro Tag fahren mehr als 400 Schiffe – Frachter, Fähren und große Schifferboote, sagt ARD-Korrespondentin Sabine Wachs. 

"Der Ärmelkanal - gerade zwischen Calais und Dover - ist so was wie eine viel befahrene Autobahn."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

Sie war in Calais, und hat mit Menschen dort gesprochen, die versuchen, nach Großbritannien zu fliehen – aber auch mit der französischen Gendarmerie, deren Aufgabe es ist, die Menschen an der Flucht zu hindern und Schlepper festzunehmen.

Immer mehr Geflüchtete versuchen, mit dem Boot nach Großbritannien zu gelangen

Fast 600 Menschen haben seit Oktober 2018 versucht, von Calais nach Dover zu kommen. In den Jahren 2016 und 2017 waren es zusammen noch 200, sagt Sabine Wachs. Der Grund für die wachsenden Zahlen: Die anderen Fluchtwege scheinen ziemlich dicht. 

Die Region rund um Calais Richtung Eurotunnel, also der Hafen, Parkplätze und Autobahnen, gleichen einem Hochsicherheitstrakt. Diese Maßnahmen waren wichtig, um gegen Schleppernetzwerke vorzugehen, so Sabine Wachs. Denn die hätten sich damals fast schon Filialen auf den Parkplätzen eingerichtet.

"Viele Geflüchtete versuchen es immer noch mit dem LKW, aber die meisten werden gefunden und rausgeholt."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

Mittlerweile gibt es auch Systeme, die scannen, ob in den Lkws zum Beispiel Herzschläge zu sehen sind. Auch die Transportunternehmen sind besser ausgerüstet und verplomben die Container – denn die Strafen für die Unternehmen sind hoch, wenn Menschen in den Lkws gefunden werden.

Gefährliche Überfahrt

Sabine Wachs hat die französische Gendarmerie nachts am Strand von Calais begleitet. Dort suchen die Einheiten des Militärs mit Taschenlampen und Wärmebildkarmeras Geflüchtete, die mit dem Boot nach Großbritannien übersetzen wollen. Die Menschen verstecken sich bei dem kalten Wetter oft in alten Militärbunkern, die an der ganzen französischen Küste zu finden sind – oder liegen in den Dünen. Und die Gendarmen suchen Schlepper: Denn die verstecken ihre Boote an ausgewählten Stellen am Strand. 

Marie-Laure Pezant ist die Kommandantin der Einheit, die Sabine Wachs begleitet hat. Sie betont, wie gefährlich die Überfahrt für die Menschen in den kleinen Schlauchbooten mit Motor sein kann. Zwar hat es bei diesen Überfahrten laut der französischen Küstenwache noch keine Toten gegeben – aber die Gefahr besteht weiter. 

"Die Menschen bringen sich wirklich in Gefahr, sie sind auf sich alleine gestellt, steigen mit zehn Leuten in ein Boot, das nur für vier Personen zugelassen ist. Sie tragen keine warme Kleidung, keine Rettungswesten. Wenn diese Boote kentern, wird es wirklich dramatisch."
Marie-Laure Pezant, französische Gendarmerie, Commandante der Einheit, die Sabine Wachs begleitet hat

Ein neues Leben in Großbritannien

Sabine Wachs hat auch Jaber getroffen – er lebt im Camp der Iraner, das ist ein Stück Wiese mitten im Industriegebiet von Calais. 100 bis 150 Menschen leben dort das ganze Jahr in Zelten. Es gibt keine sanitären Anlagen, das Nötigste wie Lebensmittel oder die Zelte selbst kommen von den Hilfswerken. Alle paar Tage werden solche Lager von der Polizei geräumt – denn Calais will vermeiden, dass sich ein neuer Dschungel aufbaut, wie der "Dschungel von Calais" mit 9000 Menschen, der vor rund zwei Jahren geräumt wurde. 


Ein Bild des größten Flüchtlingscamps aus 2016 – vor der Räumung
© Imago | ZUMA Press
Ein Bild des größten Flüchtlingscamps aus 2016 – vor der Räumung

Diese Camps gibt es zum einen, weil in Frankreich und besonders Calais zu wenige Flüchtlingsunterkünfte existieren, sagt Sabine Wachs. Auch Erstaufnahmestellen seien eher selten. Außerdem wollten die Menschen in den Camps gar nicht in Frankreich Asyl beantragen, sondern eben nach Großbritannien. Daher seien sie auch darauf bedacht, ihre Fingerabdrücke nicht in Frankreich abzugeben.

So geht es auch Jaber. Er ist Iraner, seit vier Monaten in Frankreich und hat schon zwei Mal versucht, mit dem Boot nach Großbritannien zu fliehen. Auch mit dem Lkw hat er es mehrmals versucht. Er sagt, dass er aus dem Iran fliehen musste, weil er ein Gegner der Regierung sei. In Frankreich fühle er sich nicht sicher und er habe Frau und Kinder, die schon in England seien.

Einen Fluchtversuch beschreibt Jaber so: Nachts gab es am Strand einen Treffpunkt. Dann sind sie in der kalten Nacht auf ein kleines Schlauchboot mit Motor gestiegen und rausgefahren. Aber es gab Probleme und Fischer haben sie gerettet und an die Küstenwache übergeben.

"Unser Motor lief nicht richtig. Wir haben dann die Küstenwache gerufen, sie konnten uns nicht finden. Alle haben geschrien, wir hatten Angst, dass wir untergehen werden. Wir hätten es keine fünf Minuten länger geschafft. Das war wirklich sehr gefährlich."
Jaber, Iraner, will nach Großbritannien flüchten

Patrouillen wollen an Schlepper herankommen

Genau das ist ein wichtiges Problem: Die Küstenwache kann die kleinen Boote nachts auf dem dunklen Wasser nur schwer finden. Daher sei es auch wichtig, dass die Gendarmerie am Strand patrouilliert, sagt Sabine Wachs. Außerdem werden Hubschrauber und Scheinwerfer zur Suche eingesetzt.

Die Küstenwache und die Patrouillen sollen vor allem die Schlepper finden und festnehmen. Die französische Gendarmerie ist sich ziemlich sicher, dass es mittlerweile schon richtige Banden gibt, die da am Strand ihr Geschäft machen.

"Wir haben noch recht wenig Erkenntnisse, weil wir bisher nur wenige Schlepper festnehmen konnten. Aber wir wissen, es gibt einige, die mit den Migranten an den Strand kommen, andere begleiten sie aufs Wasser."
Marie-Laure Pezant, französische Gendarmerie, Commandante der Einheit die Sabine Wachs begleitet hat

Ein weiterer Grund für die strikten Kontrollen ist auch ein Vertrag zwischen Frankreich und Großbritannien aus dem Jahr 2004. Dieser Vertrag verlegt die britische Grenze nach Calais vor. Das heißt: Alle Grenzkontrollen finden in Calais statt – Großbritannien will so vermeiden, dass Geflüchtete die Insel erreichen. Jaber will es trotzdem weiter versuchen.