Die europäische Polizeibehörde Europol gibt an, 10.000 minderjährige Flüchtlinge seien in Europa verschwunden. Doch diese Angabe ist sehr unsicher. Statt einer konkreten Vermissten-Zahl wissen wir vielmehr: Eigentlich haben wir keine Ahnung.

Zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt: "Mehr als 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Europa vermisst. Viele Kommunen sind mit der Betreuung überfordert."

Diese Aussage kann die DRadio-Wissen-Statistikerin Katharina Schüller so nicht stehen lassen. "Wir wissen nicht, ob die Zahlen stimmen", sagt sie. Das Problem ist: Viele Flüchtlinge, die "verschwunden" sind, kann man nicht zählen, eben weil sie verschwunden sind. Von ihnen liegt zum Beispiel kein Asylantrag vor, weil sie Verwandte finden wollen, selbstständig Arbeit suchen oder auf eigene Faust weiterreisen. Andere werden verschleppt, missbraucht oder als Sklaven verkauft. Wie viele das sind, ist im besten Fall abzuschätzen.

"Wir wissen weder ob die Zahlen stimmen noch was sie bedeuten: Sind die Jugendlichen dauerhaft verschwunden? Oder tauchen sie nach kürzerer Zeit wieder auf?"
Katharina Schüller, DRadio-Wissen-Statistikerin

Hinzu kommt: Seit November 2015 gibt es eine bundesweite Umverteilung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Im Zuge dieser Verfahrensänderung sind auch Probleme bei der Registrierung entstanden. So sind manche Minderjährige zwar offiziell in Deutschland, aber nicht registriert. Oder andersherum: Manche sind mehrfach registriert.

Vielleicht weniger als 10.000, vielleicht mehr als 10.000

Das Bundeskriminalamt hat Anfang des Jahres mitgeteilt, in Deutschland seien 4800 Flüchtlingskinder verschwunden. Ein halbes Jahr vorher waren es noch 1900. "Das klingt dramatisch", sagt Diplom-Statistikerin Katharina Schüller, "es heißt aber nicht, dass alle verschleppt worden oder weggelaufen sind - es ist auch auf die geänderte Verteilung zurückzuführen." Das heißt: Vielleicht werden weniger als 10.000 minderjährige Flüchtlinge in Europa derzeit vermisst - vielleicht aber auch mehr.