Herbst 1989: Die DDR geht unter. Rund 30 Jahre ist das her – Geschichte ist die Wende aber längst nicht. Wirtschaft, Sozialstruktur und politische Einstellungen zeigen: Ostdeutschland unterscheidet sich von anderen Teilen der BRD. Eine Erklärung hierfür sieht Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in der Art, wie die Vereinigung ablief. In seinem Vortrag fordert er Anerkennung für das, was Ostdeutschland geleistet hat – auch von den Ostdeutschen selbst.

Stellt euch vor: Von einem Tag auf den anderen verändert sich euer komplettes Leben – das politische System, euer Alltag, auch euer Sozialleben. Alles ist plötzlich anders, ungewohnt, unbekannt. Ihr müsst euch neu orientieren, vielleicht sogar einen anderen Job finden oder noch mal eine Ausbildung machen, weil die alte nichts mehr wert ist. Helfen kann euch dabei niemand so wirklich, denn alle haben das gleiche Problem. Millionen Menschen geht es so.

"Das Schlagwort der Stunde, des Tages, des Jahres, der Jahre seit 1990 lautete: Anpassung. Anpassung hieß: Ihr müsst so werden wie wir glauben, dass wir sind."
Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Als am 9. November 1989 völlig unerwartet die Mauer fiel, war die Freude grenzenlos. Das Glücksgefühl wich bei vielen aber schnell der Ernüchterung. Denn die Menschen in der DDR hatten sich zwar nach Veränderung gesehnt, die kam aber nun anders als gedacht: viel zu schnell und nicht immer zum Besten.

Wiedervereinigung: ein gigantischer sozialer Umbruch

Als Ostdeutschland aus dem Revolutionstaumel erwachte, fand es sich wieder in einem sozialen Umbruch mit gigantischem Ausmaß. "Die Wirtschaft der DDR wurde der radikalsten Schocktherapie im postkommunistischen Europa unterzogen", sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.

Ilko-Sascha Kowalczuk
© Ekko von Schwichow
"Für viele Ostdeutsche wurde der Westen tatsächlich zum Glück. Viele andere wurden tief enttäuscht. Nicht nur, weil sie überspannte Erwartungen gehegt hatten, sondern weil sie gar keine Chance bekamen."
Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Wir müssen verstehen, was Millionen von Menschen in dieser Zeit verloren, fordert er. In seinem Vortrag beschreibt der Historiker sowohl die Wende nachfühlbar und faktenreich, als auch den rasend schnellen Vereinigungsprozess in den Jahren danach. Diese Ereignisse setzt er in Bezug zur Gegenwart in Ost und West, zu Unterschieden, Konflikten und dem zunehmenden Erfolg des Rechtspopulismus im Osten.

"Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie bedeutet noch lange nicht, auch zu wissen, wie es eigentlich geht, wie beschwerlich Freiheit und Demokratie tatsächlich sind: weitaus beschwerlicher und anstrengender als irgendeine andere gesellschaftliche Form des Zusammenlebens."
Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und arbeitet in der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagenbehörde, derzeit ist er dort zu Forschungszwecken beurlaubt. Er selbst ist in Ost-Berlin geboren und war 22 Jahre alt, als die Mauer fiel – für ihn als Kritiker des Systems ein Segen und eine Chance. Seinen Vortrag "Revolution, Einheit und dann? – Ostdeutschlands Weg von der Diktatur in die Demokratie" hat er am 19. September 2019 extra für den Hörsaal aufbereitet. Er basiert auf seinem kürzlich erschienenen Buch "Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde".