Herdimmunität – dieses Schlagwort fiel vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie sehr häufig. Bald aber war klar: Herdenimmunität auf natürlichem Weg zu erreichen, das ist keine gute Idee. Jetzt haben sich drei Forschende erneut dafür ausgesprochen, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin und Wissenschaftsjournalistin Sophie Stigler findet, dass diese Argumentation viele Lücken hat.

Der Vorschlag der drei renommierten Gesundheitsforschenden der Universitäten Stanford, Harvard und Oxford klingt etwas nach der schwedischen Corona-Strategie, bei der es nur sehr wenige Einschränkungen im alltäglichen Leben gab, die allerdings auch zu vielen Toten geführt hat. Auch Boris Johnson hatte für Großbritannien mit der Strategie geliebäugelt, Herdenimmunität über eine Durchseuchung der Bevölkerung zu erreichen - bis ihm ein Forschungsteam vorgerechnet hat, wie viele Menschen bei dieser Strategie sterben würden.

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Der offene Brief, der sich erneut für diese Strategie ausspricht, trifft anscheinend dennoch einen Nerv: Weltweit haben bereits Tausende Menschen unterschrieben, darunter auch viele Gesundheitsforschende. Allerdings gibt es an der Echtheit vieler Unterschriften inzwischen große Zweifel und es gibt auch einen Aufschrei anderer Forschenden. Viele Dinge seien in der Argumentation außer Acht gelassen worden. Auch Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sophie Stigler findet die Argumentation der Forschenden zu lückenhaft und sie orientieren sich zudem zu wenig am aktuellen Forschungsstand.

"Im März oder April wäre so ein Brief verständlich gewesen und ein Beitrag zur Debatte, welche Strategie man einschlagen soll. Aber inzwischen sind wir eigentlich schlauer."
Sophie Stigler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Aktuelle Politik habe "inakzeptable Nachteile"

In der sogenannten Great Barrington Declaration der drei Forschenden heißt es, die aktuelle Corona-Politik habe inakzeptable Nachteile. Beispielsweise würden Kinder weniger geimpft werden, die Krebsvorsorge würde vernachlässigt werden und die psychische Gesundheit vieler Menschen würde unter den jetzigen Maßnahmen leiden. Deshalb rechnen die beiden Autoren und die Autorin damit, dass es im kommenden Jahr mehr Tote geben werde – vor allem in den sozial benachteiligten Schichten.

Die Einwände sind teils richtig, allerdings hat sich die medizinische Grundversorgung, die hier angeprangert wird, in vielen Ländern bereits wieder normalisiert.

Risikogruppen weiterhin schützen

Den Forschenden geht es in dem Brief allerdings nicht darum, dass sich alle Menschen infizieren, sondern dass Risikogruppen weiterhin isoliert und geschützt werden sollen. Diese machen je nach Land 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung aus. Das bedeutet beispielsweise: In Pflegeheimen sollten nur Menschen arbeiten, die bereits gegen das Virus immun sind. Alle anderen und auch die Besucher sollten regelmäßig getestet werden.

Pflegedienste können sich derzeit jedoch kaum aussuchen, wer arbeitet und wer nicht, und die Tests haben immer noch einen gewissen Zeitverzug. Ein weiterer Vorschlag der Forschenden: Nur ältere Personen sollten von Zuhause aus arbeiten. Rentner sollten ihre Einkäufe und andere benötigte Dinge nach Hause geliefert bekommen.

Wie das logistisch zu organisieren sei, gut ein Viertel der Bevölkerung zu versorgen, und welche Folgen das für die Psyche der Menschen, die zuhause bleiben sollen, habe, wird nicht weiter ausgeführt.

Von Verwunderung bis Entsetzen

Das Science Media Centre UK hat einige Stimmen von Forschenden zu dem neuen Brief gesammelt. Viele Reaktionen liegen zwischen verwundert und entsetzt, da wichtige Aspekte der Debatte außer Acht gelassen wurden.

Ein Gegenargument: Die Gesundheitsforschenden gehen in ihrer Argumentation nur darauf ein, wie man so viele Tote wie möglich vermeiden kann. Allerdings zeigt die Forschung inzwischen, dass Covid-19-Erkrankte, die die Krankheit überlebt haben, auch mit vielen Langzeitschäden zu kämpfen haben.

"Inzwischen wissen wir, dass Covid-19 auch Langzeitschäden verursachen kann, die möglicherweise ein Leben lang bleiben – was ist mit denen?"
Sophie Stigler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Ein weiteres Gegenargument ist die mittlerweile gewonnene Erkenntnis, dass eine Immunität eher ein halbes bis maximal zwei Jahre anhalten kann und nicht ein Leben lang.

Überlastung der Kliniken

Das Hauptgegenargument: Bisher gibt es noch keine wirklich gut belegten Behandlungsmethoden. Sollten sich nun in kürzester Zeit viele Menschen auf einmal infizieren, würden dabei auch viele schwere Fälle dabei sein, die nicht gut behandelt werden könnten. Eine Folge: Die Kliniken könnten schnell wieder überlastet werden.

Hinweis aus der Redaktion: Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass viele der Unterschriften gefälscht sind. Das haben wir so im Text ergänzt.