Einige Menschen essen kein Fleisch, dafür aber gelegentlich Fisch. Das Argument: Ein Fisch fühlt ja nichts – zumindest nicht so, wie ein Schwein oder ein Rind. Und aus demselben Grund denken auch viele, es sei okay, einen lebendigen Hummer ins kochende Wasser zu werfen oder einer Fliege einen Flügel auszureißen. Inzwischen gibt es dazu allerdings neue wissenschaftliche Erkenntnisse und die fasst Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sophie Stigler für uns zusammen.

In den vergangenen Jahren wurden neue Ergebnisse dazu veröffentlicht, was in wirbellosen Tieren vor sich geht, dazu gehören unter anderem Hummer, Schnecken oder Insekten. Und auch bei Fischen ist man inzwischen viel schlauer. Forschende gehen heute davon aus, dass Fische so etwas wie Schmerz empfinden können.

Gezeigt hat sich das in einer Reihe von Experimenten: Zum Beispiel wurden Goldfischen Stromstöße verpasst, genau in dem Bereich ihres Aquariums, in dem es auch das Futter gab. Die Goldfische in dem Becken haben anschließend drei Tage lang nichts gegessen. Die Forschenden gehen davon aus, dass sie den Bereich gemieden haben – bis der Hunger dann doch zu groß wurde.

Goldfische speichern schlechte Erfahrungen

Was bedeutet diese Beobachtung? Können Fische also so etwas wie Angst verspüren? "Eine allgemeingültige Definition von Angst bei Tieren gibt es nicht", sagt Sophie Stigler.

Die Forschenden schließen aus ihren Beobachtungen Folgendes: Die Fische haben den Futterplatz auch dann noch gemieden, als dort gar keine Stromstöße mehr durchs Wasser gingen. Es lässt sich also vermuten, dass sie die Erfahrung der Stromschläge als negativ bewertet haben. Und nicht nur das, die Goldfische haben diese Bewertung anscheinend abgespeichert und mit diesem Ort verknüpft.

"Ein Lebewesen kann sowas wie Angst nur haben, wenn es eine Erfahrung als gut oder schlecht bewerten kann."
Sophie Stigler, Deutschlandfunk Nova

Sophie Stigler erklärt, dass man bei vielen Tierarten ähnliche Mechanismen wie beim Menschen findet, was Gefühle angeht. "Bienen haben zum Beispiel ähnliche Neurotransmitter im Gehirn wie wir: nämlich Dopamin und Serotonin", erklärt Sophie.

Bienen haben – im Vergleich zum Menschen – ein sehr kleines Gehirn. Versuche haben gezeigt, dass – wenn man Bienen schüttelt – die Dopamin- und Serotoninwerte sinken. Bei uns Menschen sind sinkende Dopamin- und Serotoninwerte ein Zeichen für depressive Stimmung. Bei Bienen hat sich gezeigt, dass sie in diesem Zustand weniger dazu bereit waren, neue Futterquellen auszuprobieren. Und das wiederum könnte ein Indiz sein, dass sie sich ebenfalls nicht besonders gut fühlen.

Wenn ein Kalmar Schmerzmittel bekommt

Auch Kalmare gehören zu den Wirbellosen und sind in den vergangenen Jahren mehr in den Fokus der Forschung gekommen. Beobachtet wurde etwa, dass verletzte Kalmare früher vor Fressfeinden wegschwimmen, wenn die Feinde eigentlich noch weit weg sind. "Ist ja auch sinnvoll, wenn man verletzt ist, kann man ja auch nur langsam flüchten", erklärt Sophie.

Forschende haben verletzten Kalmaren dann Schmerzmittel verabreicht. Mit dem Resultat, dass sie nicht mehr so früh geflüchtet sind – und von den betäubten Tieren wurden dann auch viel mehr gefressen. Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass sie durch die Schmerzmittel ihre Verletzung – also Schmerzen – nicht mehr oder zumindest weniger gespürt haben.

Das Beispiel zeigt nicht nur, dass Kalmare anscheinend Schmerzen haben können, sondern auch den Nutzen von Schmerz und Angst. Denn beides hilft beim Überleben. Es bringt Tiere – übrigens auch uns Menschen – dazu, vorsichtiger zu sein und mehr auf uns aufzupassen. Beides signalisiert: 'He, da stimmt etwas nicht!'

Deutliche Hinweise, dass auch Tiere Angst und Schmerzen haben

Die Frage, die sich anschließt ist: Warum sollte sich das für Tiere so viel anders anfühlen als für uns Menschen? "Wenn sich Schmerz schön anfühlen würde, würde man ihn nicht vermeiden wollen und er hätte seinen Zweck verfehlt", sagt Sophie Stigler.

Was fühlt ein Fisch, wenn wir ihm den Angelhaken aus dem Maul reißen? Oder ein Hummer, der ins kochende Wasser geworfen wird oder eine Fliege, der wir einen Flügel ausreißen? Genau werden wir das wahrscheinlich nie wissen. Allerdings gibt der Verhaltensforscher Frans de Waal zu bedenken: "Tieren abzusprechen, dass sie Gefühle haben, erscheint nicht vernünftig, wenn man sich die ganzen Ähnlichkeiten mit Menschen anschaut – körperlich und auch im Verhalten."

De Waal schreibt dazu in Fachmagazin Science, dass es für Menschen vermutlich leichter gewesen sei, sich das Gegenteil lange Zeit einzureden, um Tiere ohne schlechtes Gewissen ausbeuten zu können.

"Frans de Waal fordert, dass wir umdenken müssen: Wenn Tiere nämlich Gefühle haben, und zwar auch der Hummer und die Biene. Dann muss man ihre Interessen moralisch mitbedenken."
Sophie Stigler, Deutschlandfunk Nova

Beim Hummer zum Beispiel dauert es ein bis zwei Minuten, bis er im kochenden Wasser stirbt. "Und während dieser Zeit – das weiß man – feuern seine Nerven wie verrückt," sagt Sophie Stigler.

Inzwischen tut sich allerdings auch einiges auf diesem Gebiet: In der Schweiz müssen die Krebstiere seit ein paar Jahren vorher betäubt werden. Ein von der EU gefördertes Forschungsprojekt entwickelt Kriterien, um zu prüfen, ob bestimmte Tierarten Gefühle haben oder nicht. Und auch in Großbritannien wird darüber diskutiert, ob es Kopffüßer (zum Beispiel Tintenfische oder Kalmare) und bestimmte Krebstiere als fühlende Wesen anerkennt werden sollten. Es hätte zur Folge, dass die Tiere dann auch besser geschützt werden müssen.