Vor allem im IT-Sektor werden Fachkräfte gesucht. 2019 sind 124.000 Stellen unbesetzt geblieben. Die Wirtschaft sucht also Entwickler. Aber vor allem: Entwicklerinnen! Denn der Frauenanteil in den Informatik-Studiengängen liegt bei nicht mal 20 Prozent.

Das Bild des männlichen Nerds, der am Computer hockt, ist maßgeblich durch Apple und Microsoft geprägt. Die haben nämlich in den 80er und 90er Jahren ihre Marketingstrategie für die ersten Personal Computer konsequent auf Jungs ausgerichtet.

Microsoft und Apple haben den männlichen Nerd geprägt

Im Oman waren 2015 fast 65 Prozent der Informatikstudierenden weiblich. Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, Palästina oder Tunesien entscheiden sich viel mehr Frauen für MINT-Studiengänge als Männer, also für Fächer in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

"In Deutschland gibt es eine lange Tradition, in der nur Männer in den Naturwissenschaften gefördert wurden."
Valerie Lux, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Der Forscher Fayiq Alghamdi von der schwedischen Universität Uppsala vermutet, dass die Ursache für den großen Unterschied zu Deutschland im Koran liegen könnte. Der verlangt, dass die Bildung und Forschung von Mann und Frau gleichermaßen betrieben wird. Für manche Staaten dient der Koran allerdings als Rechtfertigung für Verbote weiblicher Selbstbestimmung.

Forscher vermuten religiöse Ursachen

Ein anderer Grund: Entwickler und Entwicklerinnen verdienen enorm gut. Sie gehören zur bestbezahlten Berufsgruppe weltweit. Und da die Armutsrate in arabischen Ländern höher liegt als in Deutschland, entscheiden sich generell mehr Menschen für die erfolgversprechenden MINT-Studienfächer.

Das nehmen zumindest die niederländischen Forscher Gijsbert Stoet und David C. Geary in der Zeitschrift Psychological Science an. Außerdem werde in diesen Ländern das Programmieren als "woman friendly" angesehen, weil es keine schwere körperliche Arbeit voraussetzt.

In arabischen Staaten werden Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet. Paradoxerweise hilft genau das Frauen, besser zu werden in Disziplinen, in denen sie unterrepräsentiert sind.

"Da gibt es die Elite-Universität Prinzessin Nourah in Saudi-Arabien, in der Männer keinen Zugang haben. Hier graduiert eine hohe Anzahl exzellenter MINT-Absolventinnen."
Valerie Lux, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Einige Bildungsforscher schlagen dieses Modell auch für Deutschland vor. Die Informatiklehrerin Karin Gratiana fordert beispielsweise einen gendersensitiven Informatikunterricht und hat eine Medienbildungsbroschüre geschrieben. Gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Jungen in naturwissenschaftlichen Fächern sorge dafür, sagt sie, dass sich Mädchen weniger Problemlösungskompetenzen zutrauen.

Frauenquote nur während des Studiums höher

Einen Haken gibt’s allerdings: In vielen arabischen Ländern studieren zwar viel mehr Frauen Informatik. Aber auf dem Arbeitsmarkt macht die Anzahl von Frauen trotzdem nur 13 Prozent aus.