Wenn Frederick Lau und David Kross einen Film zusammen drehen, zwei der talentiertesten, jungen deutschen Schauspieler, die wir haben, dann dürfen die Erwartungen schon mal etwas höher sein. Umso schöner, wenn sie erfüllt werden, wie die Zwei in der Tragikomödie "Simpel" unter Beweis stellen. Eine Stunde Film hat sie getroffen.

Ben (Frederick Lau) ist eine ganze Menge nicht: erfolgreich, strebsam oder konsequent zum Beispiel. Aber in einem ist er unschlagbar, nämlich darin Barnabas´ (David Kross) großer Bruder zu sein. Sein ganzes Leben schon, solang er denken kann. Denn Barnabas, von allen nur "Simpel" genannt, ist geistig behindert. Und sein großer Bruder Ben sein Ein und Alles. Als die Mutter der zwei jungen Männer stirbt, soll Simpel ins Heim abgeschoben werden. Ben denkt gar nicht daran, schnappt sich seinen Bruder und die zwei beginnen einen irren Flucht-Roadtrip vom platten, norddeutschen Land mitten in die Metropole Hamburg.

Behinderte Menschen zu spielen ist immer ein Wagnis, die Gefahr der unfreiwilligen Verunglimpfung immer da. Wie David Kross hier den Tanz auf der Klinge meistert, nie in die eine oder andere Gefahrenzone abkippt und in jeder Filmsekunde sorgsam, respekt- und liebevoll in der Rolle des Simpel bleibt, ist filmpreiswürdig. An seiner Seite ein ebenso starker Freddie Lau, der stützt und hilft, der seinem Filmpartner David die Bühne überlässt und trotzdem die offenen Bruder-Prozentpunkte perfekt auf 100 Prozent auffüllt. Die zwei Ausnahmeschauspieler sind heute unsere Gäste, wir sprechen über die unerhörte Leichtigkeit schwerer Rollen.

Anna Wollner bringt uns dazu noch George Clooney, Matt Damon und Julianne Moore mit - wenn vielleicht auch nicht direkt in Person. Aber getroffen hat sie sie - anlässlich des Films "Suburbicon", in dem Damon und Moore unter Clooneys Regie spielen. Nach einem Drehbuch der Coen-Brüder geht es um einen biederen 60er-Jahre-Vorort-Familienvater (Damon), den ein unplanmäßig verlaufender Vorfall ähnlich aus der Bahn schmeißt, wie damals Michael Douglas in "Falling Down". Ab da geht's abwärts, und zwar richtig makaber.

Schnarch im Orientexpress

Außerdem neu im Kino: "Mord im Orientexpress", die insgesamt fünfte Verfilmung des gleichnamigen Agatha-Christie-Bestsellers. Jetzt bringt Kenneth Branagh den Stoff ein weiteres mal ins Kino, ebenfalls hochkarätig besetzt, unter anderem mit Johnny Depp, Penelope Cruz, Michelle Pfeiffer und ihm selbst als Regisseur und Hauptdarsteller Hercule Poirot. Was daraus geworden ist in einem Satz: Eine alte Geschichte alt erzählt, und leider nicht neu. Denn was Branagh hier macht wirkt wie der Versuch, einen eigenen Lieblingsfilm einfach noch einmal mit sich selbst in der Hauptrolle neu aufzulegen. Die Buchvorlage ist von 1935, der Film wirkt, wie kurz danach gedreht - nur mit modernen Kameras und in Farbe. Ein Remake für Nostalgiker, aber keine wirkliche Neuauflage.