Seit über zwei Wochen greifen russische Truppe die Ukraine an. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte deshalb Ende Februar freiwillige Kämpfer aus Europa dazu aufgerufen, in die Ukraine zu kommen und sein Land zu unterstützen. Nicht wenige sind diesem Aufruf gefolgt - auch Paul (20) aus Hamburg.

"Wenn Sie in Europa Kampferfahrung haben und der Tatenlosigkeit der Politiker nicht zusehen wollen, dann können Sie in unser Land kommen und gemeinsam mit uns Europa beschützen – dort, wo das gerade besonders notwendig ist."
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Tausende Menschen aus dem Ausland sollen dem Aufruf inzwischen gefolgt sein und sich einer internationalen Brigade angeschlossen haben. Das sagt zumindest die ukrainische Regierung. Darunter sollen sich auch viele Deutsche befinden, laut Bild-Zeitung knapp 1000 Personen. Die Zeitung beruft sich dabei auf Angaben aus ukrainischen Regierungskreisen.

Unabhängig überprüfen lässt sich das allerdings nicht. Wie viele Menschen aus Deutschland also tatsächlich gerade in der Ukraine kämpfen, weiß niemand so richtig. Auch das Bundesinnenministerium hat dazu bislang keine verlässlichen Zahlen herausgegeben.

Fest steht: Einer dieser Menschen ist Paul, 20 Jahre alt. Der Journalist Tobias Dammers hat mit ihm gesprochen. Paul sei ein schlanker junger Mann, der auf Fotos aus der Ukraine mit Kapuzenpulli, Bagpack und rotem Erste-Hilfe-Kit zu sehen ist. Vor dem Ukraine-Krieg habe Paul in Hamburg gewohnt und in einem Vintage-Laden gearbeitet, so der Journalist.

Militärische Ausbildung vor Ort

Eine militärische Ausbildung bei der Bundeswehr hat er praktisch nicht gemacht, nur ein zweiwöchiges "Praktikum", bei dem er gelernt habe, wie man schießt. Den Großteil habe er aber jetzt vor Ort in der Ukraine gelernt.

"Das meiste haben mir die Jungs hier beigebracht – in den letzten zehn Tagen, die ich jetzt hier bin: Wie ich schieße oder wie ich mich verbinde."
Paul aus Hamburg

Eine familiäre Verbindung in die Ukraine hat Paul nicht, hat er Tobias Dammers erzählt. Allerdings hab er Freunde dort. Nach Kriegsbeginn sei er "recht spontan" in die Ukraine gefahren – zunächst, um einem Freund aus Kiew herauszuhelfen und Flüchtlinge über die polnische Grenze zu bringen.

Doch jetzt will er dort bleiben – und wenn nötig auch kämpfen.

"Helfen, wo es am nötigsten ist"

Seine Motivation sei es, vor allem dort zu helfen, wo es am meisten gebraucht wird, sagt Paul. Das Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung sei groß. An der polnischen Grenze habe er gesehen, dass dort schon Hilfe in großem Umfang geleistet wird. Deshalb habe er sich einer Gruppe von Ausländern angeschlossen, vor allen Dingen Männern aus Großbritannien und den USA.

Kämpfen und zivile Hilfe leisten schließt sich für Paul offenbar nicht aus. Beides ist für ihn vorstellbar.

"Wir treffen uns jetzt mit anderen internationalen Leuten in Kiew. Von dort werden wir weiter zur Front rücken und versuchen, da irgendwie zu helfen. Sei es kämpfen, sei es Leute medizinisch versorgen."
Paul aus Hamburg

Dem Verfassungsschutz liegen offenbar Hinweise vor, dass auch Extremisten aus Deutschland in die Ukraine gereist sein sollen.

Laut Einschätzung von Tobias Dammers gehört Paul nicht zu dieser Personengruppe. In den Gesprächen und Chat-Nachrichten, die er mit dem freiwilligen Kämpfer hatte, sei dahingehend nichts festzustellen gewesen. An keiner Stelle seien neonazistische oder rassistische Ideologien aufgetaucht. Paul habe auf ihn auch "nicht kriegsversessen oder fanatisch" gewirkt, so der Journalist. Er macht sich stattdessen unter anderem Gedanken darum, wie sie Kinder, Rollstuhlfahrer oder kranke Menschen aus Kiew evakuieren können.

Im Kampf sterben: "Da habe ich kein Problem mit"

Pauls Familie und Freunde in Deutschland wissen, dass er in der Ukraine ist. Er postet das auch auf Instagram. Was er da genau macht, sei einigen von ihnen aber vielleicht gar nicht richtig bewusst, glaubt Tobias Dammers.

Der Journalist hat Paul gefragt, ob er sogar bereit wäre, im Kampf gegen Russland zu sterben. Die Antwort war eindeutig: Ja, absolut, das wäre er.

"Hundertprozentig. Da habe ich kein Problem mit. Ich habe meine Mutter gesagt, dass ich da einfach nur helfen will – damit sie sich nicht zu viele Sorgen macht."
Paul aus Hamburg

Tobias Dammers hat natürlich versucht, die Geschichte von Paul zu verifizieren. Eine hundertprozentige Sicherheit, was Informationen aus dem Kriegsgebiet angeht, gebe es nicht, sagt er. Die Angaben von Paul seien aber schlüssig. Bestimmte Details, die er ihm gesagt habe, stimmten mit anderen seiner Recherchen überein, so Tobias Dammers.

Die Fotos und Videos, die Paul ihm geschickt habe, zeigten ihn in der Ukraine. Und die Metadaten der Dateien gäben zumindest Hinweise darauf, dass sie auch tatsächlich aktuell aufgenommen worden sind. Auch die Mitkämpfer, mit denen Paul angibt, unterwegs zu sein, würden Bilder aus der Ukraine posten. An der polnischen Grenze sei diese Gruppe auch von einem anderen Journalistenteam interviewt worden. Man könne also „ein bisschen nachverfolgen“, mit wem Paul unterwegs war, dass diese Leute ähnliche Absichten geäußert haben und dass sie auch tatsächlich in der Ukraine zu sein scheinen, sagt der Journalist.

Hundertprozentige Sicherheit: nein. Aber es gebe bis jetzt auch keine Hinweise, die Pauls Darstellungen eklatant widersprechen würden.

Hinweis: Unser Bild oben zeigt nicht Paul aus Hamburg.