Wenn in einer Freundschaft Ungleichheit herrscht – zum Beispiel, was das Einkommen betrifft –, empfinden viele das als Nachteil. Soziologe Janosch Schobin sieht das anders und sagt: Nicht das Geben ist in Freundschaften das Problem, sondern das Nehmen.

Stell dir vor, eine Freundin würde dich fragen, ob du ihr 1000 Euro leihen könntest. Würdest du es tun? Die Wahrscheinlichkeit, dass du ja sagst, ist relativ hoch, sagt Janosch Schobin, der zu Freundschaft forscht. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du selbst es vermeiden würdest, deine Freundin zu bitten, dir 1000 Euro zu leihen.

"Etwas platt ausgedrückt: Geben ist seliger als nehmen."
Soziologe Janosch Schobin

"Bei Freundschaften gibt es Gegenseitigkeitserwartungen", stellt der Wissenschaftler grundsätzlich fest – die Erwartung also, dass jeder ungefähr gleich viel investiert. Erstaunlich ist dabei, so Janosch Schobin, dass es den Menschen nicht wichtig ist, ob sie in der Beziehung etwas zurückbekommen, sondern dass sie etwas für das Gegenüber tun können.

Geben sei nicht so schwer, "aber wenn es um die andere Seite geht, ums Nehmen, da ist es schwieriger", glaubt der Forscher. Die Befragten in seiner Untersuchung hätten zum Beispiel kein Problem damit, einen Freund zu pflegen – es wäre ihnen aber unangenehm, sich von einem Freund pflegen zu lassen.

Warum ist uns Ausgewogenheit in Freundschaften so wichtig?

In seinen Umfragen merkt der Forscher, dass Menschen sich häufig über ein Ungleichgewicht in der Beziehung beschweren. Diese Belastung ist zwar oft situationsabhängig, betont Janosch Schobin, aber die Freundschaft kann an ihre Grenzen kommen.

Kompliziert ist es auch, weil Freundschaften in einem Netzwerk existieren. "Ich habe Freunde, aber ich weiß nicht genau, mit wem die noch befreundet sind", erklärt der Soziologe. "Das führt dazu, dass ich unter Umständen nicht genau weiß, wem die gerade noch helfen." Dadurch können schnell Überlastungen entstehen, was man aus der eigenen Perspektive vielleicht nicht merkt.

"Freundschaften sind dahingehend kompliziert, dass sie netzwerkförmig verteilt sind."
Janosch Schobin

Aber innerhalb des Freundschafts-Netzwerks kann sich eine Balance ergeben, beschreibt Janosch Schobin: "Es ist ein verteiltes System." Vielleicht hilft man zum Beispiel nicht genau der gleichen Person beim Kistenschleppen, die einem vor zwei Jahren beim eigenen Umzug geholfen hat, aber tut es dann eben in einer anderen Beziehung.

"Schwierig ist dabei die Koordination", sagt der Soziologe. Wenn die scheitert, kann das problematisch werden. Kann plötzlich niemand beim Umzug mit anpacken, ist das zwar vermutlich ein Zufall, führt aber trotzdem zu Enttäuschungen.

Eine ausbalancierte Freundschaft kann von der Persönlichkeit abhängen

Die Ausgewogenheit der Freundschaft hängt aber nicht nur von den Umständen ab: "Wenn jemand stark neurotisch ist," gibt Janosch Schobin ein Beispiel, "dann ist es so, dass diese Person kaum Freundschaften zu jemandem aufrechterhalten kann, der sich so ähnlich verhält wie er selbst."

Denn eine Freundschaft wird haltbarer, wenn ein Mensch in der Beziehung das Persönlichkeitsmerkmal der Verträglichkeit hat. Dabei reicht es schon, wenn nur eine Partei dieses Persönlichkeitsmerkmal hat, so der Forscher.