Staubsaugen, Fensterputzen, Wäsche, Müll runterbringen: Im Frühjahr sind wir besonders motiviert, auch mal die hintersten Ecken gründlich zu reinigen. Das kann uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geben.

Für manche ist es eine Routine, andere empfinden es als meditativ, manche schieben es ständig vor sich her – und wieder andere suchen sich psychologische Hilfe, weil es zur Zwangshandlung geworden ist: Die Rede ist vom Putzen.

Durch Putzen den Kopf frei bekommen

Der Frühjahrsputz ist ein feststehender Begriff – für viele ist er nicht mehr aus dem Frühling wegzudenken: Wir räumen Fächer, Schränke und Regale aus, ordnen unsere Sachen und machen uns an eine ausgiebige Grundreinigung unserer Wohnung.

Unsere vier Wände sauber zu halten, kann sich gut anfühlen, weil dadurch wichtige psychologische Grundbedürfnisse befriedigt werden, sagt Jabin Kanczok, Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt für Zwangsstörungen. Das Putzen trägt insbesondere zu einem Gefühl von Sicherheit und Kontrolle bei, sagt der Psychotherapeut.

Unsere Reporterin Astrid Wulf glaubt, dass es die schnellen Erfolgserlebnisse sind, die das Putzen für manche von uns so attraktiv macht.

Unmittelbare Erfolgserlebnisse

Nicole Karafyllis ist Philosophie-Professorin an der Technischen Universität Braunschweig und hat das Buch "Putzen als Passion" geschrieben. Für sie ist das Putzen eine Methode, um den Kopf frei zu bekommen, wenn sie mit einem bestimmten gedanklichen Problem nicht weiter kommt.

Die Tätigkeit mit den Händen hilft der Philosophin beim Abschalten. Sie putzt mit einer Routine und ihr Geist kommt dabei zur Ruhe. Scheinbar ganz von selbst kommen ihr dann kreative Ideen, die ihr dabei helfen, manche Probleme dann auch tatsächlich gedanklich zu lösen.

"Eine Stunde am Tag ist bei Zwangshandlungen eine ganz gute Orientierung – putzt man mehr als eine Stunde täglich, könnte es zwanghaft sein."
Astrid Wulf, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Manche schieben es vor sich her, andere genießen das Putzen und wieder andere leiden darunter, weil sie eine Zwangsstörung haben. Sie putzen dann möglicherweise nicht, damit ein bestimmter Gegenstand sauber wird, sondern sie können einfach nicht anders, als ihre Wohung immer und immer wieder penibelst und gründlichst zu reinigen. Dadurch kann ein Leidensdruck entstehen.

Die Gegenseite: Manche Menschen schaffen es gar nicht mehr, Ordnung in ihre Wohnung zu bekommen. Müll sammelt sich an und das Chaos, das sich ausbreitet, lässt sich für diese Menschen nicht mehr eigenständig in den Griff bekommen.

Räumliche und zeitliche Begrenzung

Jabin Kanczok behandelt Menschen mit Zwangsstörungen. Ein Ansatz ist dabei, das Putzen und Aufräumen räumlich und zeitlich zu begrenzen. Denn das Problem in seiner Gänze zu betrachten, kann lähmend auf die betroffene Person wirken: Sie weiß nicht, wo sie anfangen soll und wie sie am besten dabei vorgehen kann.

"Da erinnere ich mich an einen Patienten, der sagte: 'Die Wohnung ist sehr unordentlich'. Da haben wir so geplant, dass er sich nur dreimal in der Woche je nur ein Zimmer vornimmt."
Jabin Kanczok, Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Zwangsstörungen

Deswegen empfiehlt Jabin Kanczok seinen Patienten zum Beispiel, sich nur ein Zimmer vorzunehmen und dreimal die Woche für 20 Minuten zu reinigen. Dadurch wir das scheinbar unlösbare Problem wieder besser handhabbar.

Shownotes
Frühjahrsputz
Äußere Ordnung kann innere Klarheit schaffen
vom 15. März 2024
Moderation: 
Anna Kohn
Autorin: 
Astrid Wulf, Deutschlandfunk Nova