In der Türkei leben heute rund 3,6 Millionen syrische Geflüchtete. Die EU und die Türkei hatten sich 2016 auf den Flüchtlingspakt geeinigt, um
illegale Migration zu verhindern. Und Gerald Knaus hat sich den Deal ausgedacht.

Der Deal ist umstritten. Aber: "Was wäre denn die Alternative gewesen?", fragt Gerald Knaus heute. Er ist Migrationsforscher und Leiter der Europäischen Stabilitätsinitiative. Er steht weiterhin hinter dem EU-Türkei-Deal. Wenn Länder wie die Türkei bereit seien, zu helfen, dann müsse man diesen Aufnahmeländern wie der Türkei auch dabei helfen, den geflüchteten Menschen Zugang zu Bildung, Gesundheit und Sozialhilfe zu verschaffen. Es ging schon damals auch ums Geld, sagt er.

In der Türkei leben rund 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge. Die EU und die Türkei hatten sich im Frühjahr 2016 auf den Flüchtlingspakt geeinigt. Die Idee: Die Türkei sollte unter anderem gegen illegale Migration in die EU vorgehen, dafür sollte sie von der Europäischen Union sechs Milliarden Euro zur Versorgung der Geflüchteten bekommen.

Es wurde mit den Jahren ein wackeliges Bündnis: Die türkische Regierung hatte mehr Unterstützung gefordert. Ende Februar öffnete Präsident Erdogan die Grenze nach Griechenland schließlich. Tausende machten sich auf den Weg nach Griechenland – und wurden zurückgestoßen.

"Jetzt sehen wir in der Ägäis eine Welt ohne eine Einigung und diese Welt ist brutal."
Gerald Knaus, Migrationsforscher und Leiter der Europäischen Stabilitätsinitiative

Die Türkei habe das Abkommen praktisch aufgekündigt, sagt Gerald Knaus: "Jetzt sehen wir in der Ägäis eine Welt ohne eine Einigung und diese Welt ist brutal. Hier wird von den griechischen Behörden unter den Augen der EU das Flüchtlingsrecht gebrochen, hier werden Leute in kleinen Schlauchbooten zurückgestoßen in türkische Gewässer."

2015, als Angela Merkel ihren berühmt gewordenen Satz "Wir schaffen das" sagte, war Gerald Knaus durchaus stolz, aber auch besorgt. "Ich hatte die Hoffnung, dass es stimmt, aber auch die Angst, dass die Herausfoderung vielleicht zu groß wird."

Gerald Knaus zu Gast in der Markus-Lanz-Talkshow am 03.03.2020.
© imago images | APress
Gerald Knaus

Für ihn war es eine Situation, wie es sie noch nie gab, eine humanitäre Situation mit vielen Ertrunkenen in der Ägäis. Wenige Tage nach dem "Wir schaffen das" gingen die Bilder von dem kleinen, ertrunkenen Jungen am Strand von Bodrum um die Welt. "Wir hatten schon damals europäische Politiker, die gesagt haben, wir
müssen die Flüchtlinskonventionen aussetzen, wir müssen die Leute mit Gewalt zurückstoßen", erinnert sich Knaus.

"Der Grundkonsens rund um die Menschenwürde im Grundrecht ist nicht zusammengebrochen, der hat diese Krise überlebt. Das ist heute nicht selbstverständlich, wenn wir in die Welt blicken."
Gerald Knaus, Migrationsforscher und Leiter der Europäischen Stabilitätsinitiative

Für ihn ist die Lage am Ende aber ganz gut ausgegangen, sagt Knaus. Er schränkt ein: "Man kann alles verbessern." Aber Deutschland sei in der Lange gewesen, als Gesellschaft, Verwaltung, in vielen Städten und Gemeinden die Krise zu bewältigen. "Das ist im Rückblick eine bemerkenswerte Leistung." Und es gebe, trotz aller Polarisierung, auch heute noch eine breite Gruppe von Menschen, die sage: Es war richtig, die Geflüchteten menschenwürdig zu behandeln.

"Der Grundkonsens rund um die Menschenwürde im Grundrecht ist nicht zusammengebrochen, der hat diese Krise überlebt", sagt Knaus. "Das ist heute nicht selbstverständlich, wenn wir in die Welt blicken." Wichtig sei es jetzt, den EU-Türkei-Deal zu erneuern. Hier müsse weiter verhandelt werden, damit diese Millionen von Menschen nicht unter die Räder kämen. "Das ist im europäischen Interesse."