Auf der Autobahn oder im Zug einen Anruf zu bekommen, das ist selten spaßig, denn oft bricht die Verbindung einfach ab. Warum brauchen wir Deutschen so lange zum Ausbau eines ordentlichen Mobilfunknetzes? Experten sagen: Wir haben 30 Jahre verschlafen.

Wer in Deutschland mobiles Internet nutzt, der hat nach einer Untersuchung des Unternehmens Open Signal zu etwa 86 Prozent der Zeit eine 4G-, also LTE-Verbindung. Damit liegen wir international im Mittelfeld. Weltweit liegen dagegen Länder wie Laos, Vietnam oder Serbien, die einen deutlich niedrigeren Entwicklungsstand als Deutschland haben, vor uns. Auch unsere europäischen Nachbarn wie Polen, Tschechien oder die Niederlande haben besseres Internet. Platz eins und zwei weltweit belegen Japan und Südkorea.

Eine Ursache dafür, dass es in Deutschland immer noch weiße Flecken mit sehr schlechtem Netz gibt: Die Bundesregierung hat viel zu spät damit angefangen, sich um das Problem zu kümmern, sagt Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Uni Duisburg-Essen.

Zu spät reagiert

1990 wurden in Deutschland die ersten digitalen Mobilfunklizenzen vergeben. Seitdem hat sich niemand mehr um die Abdeckung von Funklöchern gekümmert. Dass die Regierung hier 30 Jahre lang geschlafen habe, sei ein politisches Armutszeugnis, sagt Torsten Gerpott.

"Wir haben in Deutschland 1990 die ersten digitalen Mobilfunklizenzen vergeben. Das heißt seitdem sind 30 Jahre ins Land gegangen. Jetzt erst fällt dem Bund auf, dass man weiße Fleckenförderung im Mobilfunk betreiben müsste."
Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Uni Duisburg-Essen

Spanien habe dagegen schon viel früher auf staatliche Hilfen gesetzt, um Funklöcher zu schließen.

Seit langem ein Plan: Staatliche Infrastrukturgesellschaft

Um dem Versäumnis entgegenzuwirken, hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der auch für digitale Infrastruktur zuständig ist, im vorletzten Jahr eine staatliche Infrastrukturgesellschaft angekündigt. Damit wolle der Staat beim Netzausbau an den Stellen helfen, an denen es sich für die Betreiber nicht lohnt, beispielsweise auf dem Land, wo nur wenig Menschen wohnen. Die Infrastrukturgesellschaft gibt es jedoch immer noch nicht, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter David Zajonz.

Kein vernünftiges Festnetz als Anreiz

Der Erklärung dafür, warum ärmere Länder ein teilweise besseres Netz als Deutschland haben, ist das sogenannte Leapfrogging, sagt Torsten Gerpott. Wenn Länder kein ordentliches Festnetz haben, dann hätten die Netzbetreiber einen viel größeren Anreiz dafür, die Mobilfunknetze besser auszubauen und auch zu vermarkten.

"Die Erklärung ist sogenanntes Leapfrogging, also Froschspringen. Wenn ich kein vernünftiges Festnetz habe, dann habe ich als Netzbetreiber natürlich einen viel größeren Anreiz Mobilfunknetze auszubauen und die Mobilfunknetze auch aggressiv zu vermarkten."
Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Uni Duisburg-Essen

In Ländern wie Kenia oder Senegal gab es kaum Festnetzanschluss, als die Mobilfunknetze schon ausgebaut wurden. Jetzt liegen diese Länder nur knapp hinter Deutschland. Im Ausbau des 5G-Netzes liegen einige Länder in Afrika mittlerweile vor uns.

Deutschland zieht langsam nach

Lesotho zum Beispiel. Das Land im Süden Afrikas hat bereits vor zwei Jahren mit dem 5G-Ausbau begonnen. In Deutschland wurde vor einigen Jahren zwar das Ziel angekündigt, das Land zum weltweiten "Leitmarkt für 5G" zu machen, wir ziehen jedoch erst jetzt so langsam nach.

"In Afrika ist Lesotho schon vor knapp zwei Jahren vorgeprescht mit dem 5G-Netz. In Deutschland ziehen wir jetzt gerade langsam nach."
David Zajnoz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Laut der Telekom soll das 5G-Netzwerk ab Mitte Juli für rund die Hälfte der Menschen an ihrem Heimatort verfügbar sein, vor allem in den großen Städten. O2 ist etwas langsamer: Hier sollen 16 Millionen Menschen bis 2022 5G zur Verfügung haben.

5G: Zu viel Bürokratie, zu wenig Zusammenarbeit

Ein Grund, warum es bei uns länger als in anderen Ländern dauert, sind die langen, bürokratischen Genehmigungsverfahren für den Ausbau, beklagen sich die Netzbetreiber. Ein weiterer Grund: Das National Roaming. In Deutschland haben an manchen Ecken nur Vodafone oder nur die Telekom ein Netz. Dabei wäre es viel sinnvoller, wenn sich hier alle Netzbetreiber zusammentun und die Funkmasten gemeinsam nutzen würden, sagt David Zajonz.

Die Netzbetreiber zu einer Zusammenarbeit zu zwingen, darauf hat die Regierung bisher verzichtet. Eine freiwillige Kooperation hat allerdings auch nicht funktioniert.

"Es wäre sinnvoll, wenn sich die Netzbetreiber zusammentun würden. Dass also Telekom-Kunden die Funkmasten von Vodafone mitnutzen oder umgekehrt."
David Zajnoz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Besonders dringlich ist der 5G-Ausbau vor allem für die Industrie und weniger für Privatpersonen. Denn bisher können nur die wenigsten Smartphones 5G nutzen, sagt David Zajonz.