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Die Datencloud Gaia-X wurde als europäische Lösung angekündigt – als eine Art Befreiungsschlag gegen die amerikanische Tech-Vormacht. Neben mehreren anderen US-Unternehmen hat jetzt aber auch Palantir, ein umstrittener Big-Data-Konzern, verkündet, von Beginn an beim europäischen Prestigeprojekt dabei zu sein.

Eine eigene europäische Plattform für Daten aller Art – als Antwort auf Google, Microsoft, Amazon und Co. Ein sicheres europäisches Daten-Ökosystem, um damit die europäische Wirtschaft aus den Klauen der großen amerikanischen Techfirmen zu befreien. An dieser Idee mit dem klangvollen Namen Gaia-X wird seit 2019 geschraubt. Es ist ein Prestige-Projekt von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier.

Doch genau das bekommt gerade einige dicke Kratzer: Wie letzten Monat bekannt wurde, gehören mittlerweile mehrere amerikanische Firmen zu den über 180 Mitgliedsunternehmen und -Organisationen von Gaia-X, darunter Microsoft, Google und Amazon Web Services, der größte Cloud-Anbieter der Welt. Das ist ein Problem, denn die US-Firmen sind durch ein Gesetz namens Cloud-Act gezwungen, Daten an US-Behörden weiterzugeben – auch wenn die Daten wie im Fall Gaia-X in Europa gespeichert sind. Doch nicht nur US-Firmen sind mit im Boot, auch der umstrittene chinesische Ausrüster Huawei ist dabei, hatte die Gaia-X-Stiftung mitgeteilt.

Microsoft, Google, Amazon, Huawei - und Palantir

Nun hat auch Palantir, ein umstrittener Big Data-Konzern aus den USA, verkündet, beim europäischen Daten-Prestigeprojekt mitzumachen. Im November 2020 sei der Konzern zu Gaia-X hinzugestoßen. Man sei stolz, von Anfang an dabei zu sein, steht im Firmenblog.

Diese Ankündigung ist in mehrerer Hinsicht verrückt, sagt Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin Martina Schulte. Denn Gaia-X wolle die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von den großen amerikanischen und chinesischen Anbietern – zu denen es derzeit noch keine Alternativen gibt – ja eigentlich gerade reduzieren.

Europäisches Projekt?

Ohnehin bemängeln Kritiker, die einst mit viel Energie und Optimismus gestartete europäische Daten-Initiative sei bei der praktischen Umsetzung immer mehr verwässert worden, die europäische Seite habe zu viele Kompromisse gemacht.

Und jetzt das: Palantir ist kein europäisches Unternehmen. Dazu kommt, dass es unter den US-Techriesen "eher so ein Darth-Vader-Image" hat, sagt Martina Schulte.

"Palantir hat unter den US-Tech-Riesen eher so ein Darth-Vader-Image."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Palantir arbeitet viel mit Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten zusammen, insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland. Sie entwickeln zum Beispiel Anti-Terror-Software. Bei Heise.de wird Palantir "Big Brother Ausrüster" genannt. Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU nennt das Unternehmen eine "Schlüsselfirma in der Überwachungsindustrie", die Big Data für den Big Brother liefere.

Standards sind bereits lange gesetzt

Scheinbar kommen wir in Europa nicht um die großen Techfirmen herum, berichtet unsere Netzreporterin. Offenbar geschehe das alles quasi zwangsläufig. Denn all diese Firmen hätten bereits so erfolgreich Standards definiert, dass es ohne sie nicht mehr geht.

"Die Techriesen aus den USA und China haben schon derart erfolgreich Standards definiert, dass es ohne sie scheinbar einfach nicht mehr geht."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Beispiel europäische Autoindustrie: Wenn diese ihre Datenberge in der künftigen europäischen Cloud parkt, kommen ihre autonomen oder teilautonomen Autos trotzdem nicht ohne die etablierten Navigations- und Kartendienste der US-Techriesen aus. Und im Netzwerkgeschäft ist es sehr schwer, ohne Huawei auszukommen.

Eine rein europäische Cloud ist also eigentlich eine Art Illusion. Sie ist quasi kaum zu verwirklichen. Deswegen war Gaia-X von Anfang an auch für die großen US-Techkonzerne offen – unter der Bedingung, dass die sich an die europäischen Regeln halten: Datenschutz, Transparenz, Offenheit.

Gaia-X: Ein trojanisches Pferd?

Kritiker warnen inzwischen davor, dass Gaia-X zu einer Art Etikettenschwindel wird: Die beiden französischen Open-Source-Verfechter Stefane Fermigier und Sven Franck sagen zum Beispiel, Gaia-X könnte sich als trojanisches Pferd für große Tech-Konzerne entpuppen.

Ob es wirklich so kommt, ist offen. Die genauen Regeln für Gaia-X werden zur Zeit noch verhandelt. Besonders europäisch sieht das alles im Moment jedenfalls nicht aus.