Viele Games machen einfach "nur" Spaß und unterhalten uns. Manche können aber noch mehr: Sie machen uns zum Protagonisten und lassen uns dadurch komplexe, traurige oder sehr persönliche Themen leichter verstehen. Bei den beiden – sehr unterschiedlichen – Spielen "Arida: Backland's Awakening" und "Lie in my Heart" ist das der Fall.

Das brasilianische Spiel Arida: Backland's Awakening von AOCA Game Lab handelt von einer Region in Brasilien, erzählt aber auch universale Themen, die uns aktuell überall beschäftigen: Klimawandel, Dürre und Menschen, die deshalb ihre Heimat verlassen mussten.

In Lie in my Heart von Expressive Games verarbeitet Sébastien Genvo den Suizid seiner Frau und versucht zu verstehen, ob seine Entscheidungen, die er davor immer wieder treffen musste, ihren Selbstmord hätten verhindern können.

Arida: Backland's Awakening

In diesem Game spielen wir Cicera, ein junges Mädchen, das mit ihrem Großvater im "Sertão" lebt, im Hinterland Nordost-Brasiliens, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Game-Expertin Jana Reinhardt. Anhaltende Dürren und Hitze sorgen dort für äußerst geringe Erträge. Die karge, wüstenähnliche Gegend erschwert den Anbau von Nahrung und das Leben ganz allgemein.

Viele Menschen, die dort lebten, sind in die anarchistische Kommune "Canudos" abgewandert, die einst von einem Wanderprediger gegründet wurde und innerhalb von zwei Jahren auf 30.000 Bewohner angewachsen ist. Das Spiel beginnt mit Ciceras Aufbruch zu diesem Ort.

Überleben auf dem Weg zur Kommune

Arida ist ein klassisches Survival-Game: Wir müssen unseren Wasserhaushalt im Auge behalten, sammeln Holz, um Feuer zu machen und zu kochen, schleifen unsere Machete, um Kakteen zu ernten. Außerdem sammeln wir landestypische Früchte wie die Kajufrucht oder müssen neben ganz bestimmten Bäumen nach Wasser graben.

Bei dem Spiel gehe es aber eben nicht nur ums Spielen, sagt Jana Reinhardt. Das Besondere sei die Motivation, die hinter dem Spiel stehe und die Geschichte, die die Entwickler damit erzählen. Filipe Pereira, einer von ihnen, ist eigentlich Historiker und hat zu dem Thema auch schon geforscht. Er sei unter anderem Spieleentwickler geworden, um diese Geschichte erzählen zu können, sagt er.

"I have a special feeling about the theme, because of the way we in Brazil talk about the cultural aspects of the north east. We don’t see it a lot in schools. We don’t see it a lot in other media productions."
Filipe Pereira, brasilianischer Spieleentwickler

Die Geschichte des "Sertão" und der anarchistischen Siedlung "Canudos" werde in den brasilianischen Schulen nicht besprochen – auch nicht in den Medien, sagt Filipe Pereira.

Vor 100 Jahren war die kommunistische Siedlung in einem blutigen Massaker aufgelöst worden. Die brasilianische Regierung hatte dafür Menschen aus dem Süden in den Norden geschickt. Für Filipe Pereira sind Spiele wie Arida eine wichtige Plattform, um Identität, Kultur und Diversität auf eine unterhaltsame Weise zu vermitteln und zu diskutieren – auch international.

Lie in my Heart

In diesem sehr persönlichen Spiel verkörpern wir den Autor selbst, Sébastien Genvo. Und zwar in verschiedenen Stationen seines Lebens – vor und nach dem Tod seiner Frau Marie, die an Depressionen litt.

Wir erleben mit, wie Sébastien und Marie sich streiten, wieder zusammenraufen, sich trennen oder die Elternzeiten für den gemeinsamen Sohn Théo aushandeln. Aber eben auch den Moment, in dem wir vor Maries Haus stehen, als sie sich das Leben nimmt.

Das Game funktioniert wie eine Visual Novel, sagt Jana Reinhardt. Echte Familienfotos wurden digital übermalt, manche Figuren wurden dabei mit Schauspielern nachgestellt. Wir spielen zwar Sébastiens eigene Geschichte, dürfen aber trotzdem Entscheidungen treffen – zum Beispiel die, ob Sébastien einem Reporter der Klatschpresse kurz nach der Tat ein Interview geben soll oder nicht.

Screenshot des Spiels "Lie in my Heart" von Expressive Games
© Expressive Games

Am Ende eines Kapitels erfahren wir dann, wie viele dieser Entscheidungen Sebastién auch selbst getroffen hätte und was sich für ihn dadurch mutmaßlich verändert hat.

Jana Reinhardt hat an dem Spiel beeindruckt, wie nah Sébastien Genvo die Spieler an sich heranlässt und wie viel er von sich preisgibt. Die Faszination des Spiels werde manchmal aber auch durch Schreckmomente durchbrochen, erzählt sie.

"Manchmal fand ich es erschreckend, wie faszinierend das alles ist. Ich musste mir dann in Erinnerung rufen: Das ist die echte Geschichte von jemandem!"
Jana Reinhardt, Deutschlandfunk-Nova-Game-Expertin

"Lie in my Heart" ist übrigens nicht das erste Spiel, mit dem Sébastien Genvo seine eigene Geschichte offen legt und verarbeitet. In "Keys of a Gamespace" war er 2011 der Frage nachgegangen, warum er sich so sträubt, ein Baby mit seiner Frau Marie zu haben. Außerdem diskutiert er darin die Verbrechen seines Vaters als Pädophiler.