In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Verhältnis zwischen Mensch und Nutztier gravierend – zum Nachteil der Tiere. In ihrem Vortrag beschreibt die Historikerin Veronika Settele, wie sich die Massentierhaltung und die Kritik daran entwickelt hat, wo wir heute stehen und wie es weitergehen könnte.

Tönnies in Rheda-Wiedenbrück und Wiesenhof in Wildeshausen – die beiden Betriebe stehen aktuell für gravierende Fehlentwicklungen in der deutschen Landwirtschaft. Die Bundesregierung hat im September 2020 eine Kommission eingesetzt, die zwischen den Wünschen der Landwirte und den Forderungen der Gegner der derzeitigen Tier- und Bodennutzung vermitteln soll.

Bis 2021 soll diese Kommission Vorschläge unterbreiten, die das Wohl der Tiere und den Schutz der Natur besser in Einklang bringen könnten. Die Historikerin Veronika Settele spricht von einem logischen Endpunkt einer Entwicklung, die sich seit den 50er Jahren in beiden deutschen Staaten ähnlich vollzogen habe.

Tiere wurden mehr und mehr zum reinen Industrieprodukt

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Ost und West eine gigantische Agrarwirtschaft entstanden. Die Historikerin Veronika Settele hat die Zeit von 1950 bis 1990 hinsichtlich des wirtschaftlichen und moralischen Verhältnisses des Menschen zu seinen Nutztieren wissenschaftlich untersucht. Für ihre Dissertation zum Thema wurde sie mit dem Deutschen Studienpreis ausgezeichnet.

Die Körper der Tiere sind allmählich zu einem Industrieprodukt verkommen, vergleichbar beispielsweise mit der Produktion von Schrauben oder Autos, beschreibt Settele. Beispielsweise sei im Alltag der Branche offen von "Versagerhennen" gesprochen worden, die rücksichtslos ausgemerzt werden müssten.

"Wir lesen von der ungemein großen Zahl von Tieren, die im engen Takt rund um die Uhr angeliefert, getötet und verarbeitet werden."
Veronika Settele, Historikerin

Zwar hat sich die Lage für die Nutztiere gebessert, aber nicht gänzlich, beschreibt die Wissenschaftlerin – bis heute rollt das Futter vielerorts vollautomatisch zu Hennen, die in Käfigen sitzen, das Wasser kommt per Schnabel-Knopfdruck und künstliches Licht suggeriert Frühjahr statt Herbst. Die Lebewesen hätten in den Nachkriegsjahrzenten weniger im Fokus gestanden als das technische Equipment und die Rendite, so Veronika Settele, und das zeigt sich noch heute.

Debatten um Tierwohl

Es war daher wenig überraschend, dass sich schon vor Jahrzehnten heftige Debatten über eine legi­time Tier­nut­zung entzün­deten. War es "kultu­rell wert­voll" – wie damals behauptet – unendlich viele Tiere auf engstem Raum zu halten, nur um billig essen zu können? Und ist all das inzwischen besser geworden? Haben wir endlich einen angemesseneren Umgang mit den Tieren gefunden? Und was ist "angemessen"? Settele verweist zwar auf Verbesserungen in der deutschen und europäischen Agrarpolitik, doch habe unsere Gesellschaft noch viele ungelöste Fragen zu beantworten.

Veronika Settele
forscht an der Universität Bremen zum wirtschaftlichen und moralischen Verhältnis des Menschen zu seinen Nutztieren. Als Historikerin befasst sie sich mit der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Für ihre Dissertation "Revolution im Stall: Landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland 1945-1990", die unter dem gleichen Titel auch als Buch erschienen ist, hat sie mit dem Deutschen Studienpreis 2020 ausgezeichnet.
Für Deutschlandfunk Nova hat sie die wichtigsten Auszüge daraus als Vortrag zusammengestellt.