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In den USA hat ein Pilot vergessen, die Anti-Vereisungsanlage anzuschalten – ein Fehler, der Leben kosten kann. Ein möglicher Grund: mangelnde Routine durch fehlende Flugpraxis in der Corona-Krise. Doch nicht nur das Vergessen, zum Problem werden kann auch, wenn wir etwas nicht vergessen, erklärt der Hirnforscher Onur Güntürkün.

In den USA können Piloten anonym über Probleme beim Fliegen erzählen. Seit Beginn der Corona-Pandemie tun sie das anscheinend viel häufiger – so auch ein Pilot, der vergessen hat, die Anti-Vereisungsanlage anzuschalten. Der Fehler könnte Leben kosten. Ein möglicher Grund dafür sei die mangelnde Flugpraxis bedingt durch die Corona-Krise, schreibt er.

Erinnerung kann sich auflösen

Häufigkeit und Frequenz sind wichtig, um Routinen zu entwickeln – in der Luftfahrt, aber auch beim Lernen ganz allgemein. Denn mit der Zeit könne sich Erinnerung auflösen, sagt der Hirnforscher und Psychologe Onur Güntürkün von der Uni Bochum. Dann lösen sich Synapsen, die Bindungsstellen zwischen den Nervenzellen, voneinander. Was früher mal gespeichert war, sei dann nicht mehr abrufbar.

Was den Gehirnexperten aber mehr beunruhigt als das Vergessen, ist die Tatsache, dass wir uns an bestimmte Dinge zu gut erinnern und sie leider nicht vergessen können. Zum Beispiel etwas, dass Angst erregt hat, ein seltenes, einmaliges Ereignis und trotzdem verschwinde es nicht aus unserem Kopf, so Güntürkün.

"Etwas, das Angst erregt hat und das man hoffentlich nie wieder in seinem Leben erlebt. Das sind nur ganz seltene Ereignisse, aber die hat man besonders gut abgespeichert."
Onur Güntürkün, Biopsychologe

Autopilot vergessen einzuschalten, Instrument falsch gedeutet und Steilkurve eingeleitet, beim Landeanflug zu tief und dann eine Notlandung Kilometer vorm Flughafen hingelegt – Stress, Adrenalin, Angst. Jedes dieser Erlebnisse, sagt Güntürkin, hinterlasse neurologische Spuren. Je krasser die Situation, desto tiefer die Furche.

Wettstreit der Gedächtnisse

Jeder normale Flug, den ein Pilot durchführe, stelle sicher, dass das Ereignis einmalig war und nie mehr wiederkommt. Wenn Piloten nicht mehr normal fliegen, wie jetzt in der Corona-Krise, dann könne passieren, dass uns plötzlich zwei Gedächtnisse zur Verfügung stehen – der ganz normale Flug und dieser eine, wo es knapp war. Der Flug, der mit Angst verbunden sei, könne dann stärker ins Bewusstsein treten und zum Problem werden, so Onur Güntürkün.

"Dieser eine Flug, an den ich mit großer Angst zurückdenke, der kann dann stärker ins Bewusstsein kommen, der schwimmt quasi nach oben. Und das ist dann ein Problem."
Onur Güntürkün, Biopsychologe

Wie für die Piloten im Flugzeug gilt auch für uns: Wir müssen uns mit dem Erlebten durch unseren Alltag navigieren. Auch hier haben wir häufig beides: die Routine und die angstbesetzte Erinnerung an etwas. Güntürkün nennt das den Wettstreit der Gedächtnisse. Je weniger Normalzustand, desto dominanter die Ausnahme.

Wer schon mal eine existenzielle, angsterregende Situation oder große soziale Scham erlebt habe, kenne das: die Erinnerung daran, die nicht verloren geht, so der Gehirnexperte. Dann könnte es sein, dass wir von der Angst abgehalten werden, etwas zu tun, was eigentlich normal getan werden könnte.

Corona vertsärkt die Problematik

Die Corona-Krise führt auch bei uns dazu, dass wir zurückgezogener leben, viel zu Hause bleiben und manchen Dingen nicht mehr regelmäßig nachgehen können. Onur Güntürkün sieht darin ein Problem: Je zurückgezogener wir leben und je mehr Ängste wir zusätzlich entwickeln, - vor Infektionen oder vor Tod durch Erkrankungen – desto angstbesetzter seien die Erinnerungen. Corona tue uns auch an dieser Stelle nicht besonders gut, mutmaßt der Gehirnexperte.

"Je zurückgezogener wir leben und je mehr Ängste wir zusätzlich haben – vor Infektionen, vor Tod durch Erkrankungen – desto angstbesetzter sind die Erinnerungen. Ich vermute, Corona tut uns auch an dieser Stelle nicht besonders gut."
Onur Güntürkün, Biopsychologe