Für Menschen mit einer Hörbehinderung ist ein Friseurbesuch selten entspannt. Oft fällt es ihnen schwer, ihre Wünsche zu kommunizieren. Small Talk gibt es auch keinen. Bei Friseur Ralph Kastner ist das anders. Er ist selbst gehörlos.

Gabi ist 120 Kilometer von Freudenberg nach Düsseldorf gefahren - nur um sich ihre Haare schneiden zu lassen. Das macht sie alle drei Monate und sie macht es gerne. Seitdem die gehörlose Frau einmal in Ralph Kastners Salon war, möchte sie zu keinem anderen mehr gehen. Damit ist sie nicht die Einzige. Die Kundinnnen des gehörlosen Friseurs kommen aus ganz Deutschland zu ihm.

Per Gebärdensprache bespricht er mit Gabi ihre neue Frisur, redet mit ihr über das Wetter und den vergangenen Urlaub. So, wie das bei einem üblichen Friseurtermin so abläuft.

Ausnahme in Deutschland

Ralph Kastner ist mit seinem Friseursalon eine Ausnahme in Deutschland. In Berlin und München gebe es noch ein paar Friseurinnen, erzählt er Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Krissy Mockenhaupt. Für Menschen mit einer Hörbehinderung ist das durchaus problematisch: Sie können dann nur Bilder zeigen oder aufschreiben, wie sie ihre Haare gerne hätten. Auch Kleinigkeiten, wie die Bitte, hier noch etwas nachzuschneiden oder die Farbe doch dunkler zu machen, sind nicht so leicht zu kommunizieren.

Gebärdensprache und Lippenlesen

Etwa 40 Prozent seiner Kundinnen haben eine Hörbehinderung oder sind komplett gehörlos. Wenn jemand keine Gebärdensprache beherrscht, dann liest Ralph ihnen von den Lippen ab. Eine besondere Herausforderung stellen für ihn deshalb zurzeit die Alltagsmasken dar. Wer einen besonderen Wunsch an Ralph hat, muss dafür dann kurz auf Abstand gehen, die Maske absetzen und Ralph das Anliegen von den Lippen ablesen lassen. Krissy Mockenhaupt ist fasziniert davon, wie problemlos Ralph ihre Frage erkennt.

"Wenn ich die Maske dann abnehme, bin ich einfach nur fasziniert davon, wie problemlos Ralph mir meine Fragen von den Lippen abliest."
Krissy Mockenhaupt, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Small Talk trotz Taubheit

Allen anderen Kundinnen liest Ralph auch von den Lippen ab – und er unterhält sich mit ihnen. Denn obwohl er seit seiner Geburt taub ist, war es seinen Eltern sehr wichtig, dass er sprechen lernt. Zweimal pro Woche hat er Logopädie-Unterricht genommen. Seitdem er seinen eigenen Salon hat, ist seine Sprache deutlich besser geworden, erzählt er. Auch sein Selbstbewusstsein hat dadurch zugenommen.

"Seitdem ich ein Geschäft habe, ist meine Sprache noch besser geworden. Bin auch selbstbewusster geworden. Ich war früher sehr schüchtern."
Ralph Kastner, gehörloser Besitzer eines Friseur-Salons

Auch seine Kundinnen wissen mittlerweile, worauf es bei einer Unterhaltung mit Ralph ankommt. Langsam und deutlich sprechen, gut artikulieren und den Kopf während des Sprechens nicht wegdrehen.

Lautlose, aber deutliche Kommunikation

Ralph Kastner hat noch zwei weitere Mitarbeiterinnen, die nicht gehörlos sind. Wenn sich seine Mitarbeiterin Melanie mit ihm unterhält, dann bewegt sie sehr deutlich, aber lautlos ihre Lippen. Sie hat in den zehn Jahren in Ralphs Salon viel über die Gebärdensprache und das Lippenlesen gelernt.

Friseur Ralph Kastner und seine Mitarbeiterinnen
© Krissy Mockenhaupt
Ralph Kastner mit seinen Mitarbeiterinnen Andrea (links) und Melanie (rechts)

Ein wenig Friseur-Gebärdensprache hat sie sich dabei auch aneignen können. Fragen nach Strähnen, Farben oder Schnitt, das bekomme sie mittlerweile hin.