Für vollständig Geimpfte sinkt das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung enorm. Allerdings können sie sich immer noch anstecken und das Virus weitergeben. Der Epidemiologe Dirk Brockmann plädiert deshalb dafür, auch Geimpfte weiterhin zu testen.

Bei einem Festival in den Niederlanden, das nur für Geimpfte und Getestete stattfand, haben sich von 20.000 Besucherinnen und Besuchern trotzdem 1000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Der Veranstalter waren geschockt und wir haben uns gefragt: Wie kann das sein? Für Dirk Brockmann, Epidemiologe am Robert-Koch-Institut, ist das keine Überraschung.

Zwar hätten alle zugelassenen Impfstoffe eine sehr hohe Wirkung gegen einen schweren Krankheitsverlauf, doch vor allem mit der immer stärker dominierenden Delta-Variante könnten sich auch vollständig Geimpfte mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit infizieren.

"Auch Geimpfte Personen können sich mit der Delta-Variante mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit anstecken."
Dirk Brockmann, Epidemiologe

Das bedeutet wiederum, dass Geimpfte das Virus auch weitertragen können, selbst wenn bei ihnen nur leichte oder gar keine Symptome auftreten.

Dirk Brockmann plädiert deshalb dafür, dass auch geimpfte Personen vor beispielsweise Veranstaltungen oder größeren Treffen weiterhin getestet werden sollten - vor allem seit der Ausbreitung der Delta-Variante, bei der die Symptome manchmal nicht direkt einer Covid-19-Erkrankung zuordenbar sind.

Nur die vollständige Impfung hilft

Wie viele Menschen sich trotz einer Impfung anstecken, zeigen Studien, die zu den einzelnen Impfstoffen durchgeführt wurden. Beispielsweise weiß die Forschung schon, dass die mRNA-Impfstoffe, also Biontech und Moderna, sowie Astra Zeneca mit über 90 Prozent gegen einen schweren Krankheitsverlauf bei der Alpha- und Deltavariante sowie bei dem Wildtyp, also dem ursprünglichen Virus, wirken.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass von hundert Menschen trotz vollständigem Impfschutz zehn Menschen schwer erkranken können, sagt Dirk Brockmann.

Einen noch deutlicheren Unterschied kann man zwischen der Wirkung von Einfach- und Doppelimpfungen erkennen. Wer beispielsweise nur eine Astra-Impfung hat, hat im Vergleich zu Nichtgeimpften immer noch eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken.

Die Risiken für Long-Covid nicht unterschätzen

Auch das Risiko für Langzeitfolgen durch eine Corona-Infektion sollte nicht unterschätzt werden. Das gilt vor allem für die Altersgruppen, die bis jetzt noch überhaupt keine Impfung erhalten haben - also vor allem die jungen Menschen. Bei ihnen sei der Verlauf einer Infektion zwar meistens harmlos, doch sei nicht ausgeschlossen, dass Langzeitfolgen auftreten können, mit denen junge Menschen noch Jahre zu kämpfen hätten, sagt Dirk Brockmann.

"Gerade bei den Altersgruppen, die überhaupt keinen Impfschutz haben, ist ein sehr schwerer Verlauf auch bei einer natürlichen Infektion sehr gering, aber zu einem bestimmten Prozentsatz können diese Menschen trotzdem Long-Covid entwickeln."
Dirk Brockmann, Epidemiologe

Kompliziert werde die Sache vor allem, da sich derzeit zwei Gruppen gegenüberstehen: Die Gruppen, die aufgrund ihres Alters oder einer gesundheitlichen Vorerkrankung bereits vollständig geimpft sind, und die, die noch gar keinen Impfschutz erhalten haben, also die jüngere Bevölkerung. Das Problem: Alle Gruppen haben trotzdem tagtäglich miteinander zu tun.

So könne es dann wie derzeit in England passieren, dass sich das Virus verstärkt unter der jüngeren Bevölkerung ausbreite und damit dann die Menschen, die schon vollständig geimpft sind, immer wieder mit dem Virus durch die jungen Menschen in Kontakt kommen könnten. Zehn Prozent dieser Menschen könnten dann eben trotz Impfung einen schweren Verlauf erleiden, lautet die Prognose von Dirk Brockmann.