Die Wirkung eines Medikaments kann unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob es einer Frau oder einem Mann verabreicht wird. Bisher werden Arzneimittel hauptsächlich an Männern getestet. Aus diesen Tests lassen sich nicht unbedingt Rückschlüsse für Patientinnen ziehen.

Bisher ist Gendermedizin in Deutschland nicht zwingend Teil des Medizinstudiums, es gibt auch nur ein einziges Institut für Gendermedizin. Das befindet sich an der Berliner Charité. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Medikamenten-Wirkung bei verschiedenen Geschlechtern intensiver untersucht werden müssten.

Ein Beispiel dafür ist das Schlafmittel Zolipdem. Wenn Männer und Frauen am Abend die gleiche Dosis einnehmen, kann es sein, dass die Wirkung bei Frauen am nächsten Tag noch viel länger anhält. Wissenschaftlerinnen haben beispielsweise beobachtet, dass viele Frauen nach der Einnahme am nächsten Morgen Autounfälle verursachten. Inzwischen wird das Medikament bei Patientinnen anders dosiert.

Schützt nicht vor Herzinfarkt, senkt aber Risiko von Schlaganfällen

Anderes Beispiel: Ein Wirkstoff, der auch in Aspirin enthalten ist, kann Männer vor Herzinfarkten schützen. In einer großen Studie im Jahr 2005 wurde die Wirkung des Medikaments bei Frauen überprüft. Dabei zeigte sich, dass das Mittel bei den den meisten Frauen keine signifikante Auswirkung darauf hat, ob sie einen Herzinfarkt bekommen. Stattdessen stellten die Wissenschaftler aber fest, dass dieser Wirkstoff bei Frauen das Schlaganfall-Risiko senken kann.

"Wissenschaftlich bildet man Modelle und da ist es hilfreich, ein Modell zu bilden, in dem man einen großen Teil der Menschen klassifizieren kann."
Vera Regitz-Zagrosek, Medizinerin

Medikamententest geben meist keine Auskunft darüber, ob sie bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken, weil die Mittel viel seltener an Frauen getestet werden. Der männliche Körper galt in der Medizin lange Zeit als die Norm. An Frauen wurden kaum Tests durchgeführt, weil die Ärzte bei einer unbemerkten Schwangerschaft nicht dem ungeborenen Kind schaden wollten. Vera Regitz-Zagrosek hat das Institut für Gendermedizin an der Charité in Berlin gegründet. Sie findet den Gedanken zwar richtig, warnt aber davor, wenn diese Sorge so weit geht, dass Medikamente gar nicht oder zu selten an Frauen getestet werden.

"Das ist im Prinzip ein richtiger Gedanke, aber der darf trotzdem nicht so weit gehen, dass man Medikamente nicht an Frauen testet. Gerade bei Frauen hat man ja eine Wechselwirkung mit Hormonen, man hat einen Menstruationszyklus."
Vera Regitz-Zagrosek, Medizinerin

Zu Beginn wird ein Arzneimittel an Zellen und Tieren im Labor getestet, aber auch die sind hauptsächlich männlich. Dann folgt ein mehrstufiges Verfahren an Menschen. Bis heute sind bei diesen Tests wenig Frauen dabei.

Mann und Frau sind Extrempunkte des Spektrums

Die Medizinerin Vera Regitz-Zagrosek sieht Mann und Frau als extreme Punkte im Genderspektrum an. In der Gendermedizin werden die beiden Geschlechter nach bestimmten körperlichen Merkmalen, wie Chromosomen oder Hormone zusammengefasst. Der Nachteil dabei ist, dass zum Beispiel intergeschlechtliche Menschen, die in keine der beiden Kategorien passen, darin dann auch gar nicht vorkommen. Dabei wollen Gendermediziner, dass in der Medizin jedes Geschlecht mehr beachtet wird – auch bei der Arzneimittelherstellung.

Vera Regitz-Zagrosek von der Charité glaubt nicht, dass das Problem mit nationalen Vorschriften gelöst werden kann, weil die meisten Medikamente international entwickelt werden. Zwar gibt es auch auf der internationalen Ebene Richtlinien, die findet die Medizinerin aber noch zu schwach.

Härtere Richtlinien könnten helfen

Die Ärztin sagt, das Problem liege darin, dass die meisten dieser Regelungen 'Soll-Vorschriften' sind. und dass es keine Richtlinien gibt, die als 'Muss-Vorschrift' ausgelegt werden. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass eine Substanz abgelehnt werden muss, wenn es keine Daten über Frauen dazu gibt.