Rund 200 Millionen Mädchen und Frauen sind nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung von Genitalverstümmelung betroffen: vor allem in Afrika, dem Nahen Osten, aber auch in Asien. Die Mädchen sind bei dem Übergriff meist nicht einmal 15 Jahre alt. 

Auch in diesem Jahr werden geschätzt drei Millionen Mädchen und Frauen beschnitten werden, das sind rund 8.000 pro Tag. Diese Zahlen basieren auf Befragungen und Hochrechnungen, erklärt Mithu Sanyal, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und sie ist sich sicher, dass der Aktivismus gegen Genitalverstümmelung Erfolge zeigt.

"Die gesellschaftliche Akzeptanz von weiblicher Beschneidung sinkt kontinuierlich, und zwar weltweit."
Mithu Sanyal, Journalistin

Mithu Sanyal hält beide Begriffe, Beschneidung und Genitalverstümmelung, für unglückliche Bezeichnungen: Beschneidung verharmlose die Sache. Das erinnere an Blumen, die man auch anschneiden muss, bevor man sie in die Vase stellt. Auch der Begriff weibliche Genitalverstümmelung sei gerade bei Betroffenen stark umstritten. 

"Aktivistinnen haben mir gesagt: Mir ist etwas Schreckliches angetan worden, aber dadurch bin ich noch lange nicht verstümmelt und will auch nicht so genannt werden."
Mithu Sanyal, Journalistin

Die betroffenen Frauen leben oft mit dem Stigma, dass sie keine Sexualität mehr hätten, als könnten sie nie wieder Lust empfinden. Das stimme so nicht, erklärt Mithu Sanyal. Es gibt unterschiedliche Formen der weiblichen Beschneidung. Auch wenn die Klitoris entfernt wird, beschränkt sich das auf den außen sichtbaren Teil. Nichtsdestotrotz ist es ein massiver schmerzhafter Eingriff mit einem großen gesundheitlichen Risiko. 

Eben nicht nur ein typisch afrikanisches Problem

Manche Initiativen zur Aufklärung über die weibliche Genitalverstümmelung werden auch kritisiert, vor allem, wenn sie behaupten, das sei ein typisch afrikanisches Problem. Mithu Sanyal erklärt, dass dies ein Klischee ist, mit dem bereits seit der Kolonialzeit Politik gemacht werde. Damals wurde weibliche Beschneidung als Zeichen dafür angeführt, dass Afrikaner weniger zivilisiert sind. 

"Eingriffe in gesunde weibliche Genitalien sind bei uns ja ebenfalls an der Tagesordnung, nur heißen die hier dann kosmetische Chirurgie oder Labioplastik."
Mithu Sanyal, Journalistin

Mithu Sanyal weist darauf hin, dass die so genannten geschlechtsangleichenden Operationen an Babys mit uneindeutigen Genitalien in Deutschland wieder zunehmen - und das obwohl wir demnächst den Eintrag eines dritten Geschlechts bekommen. 

Als weiteres Beispiel nennt die Kulturwissenschaftlerin das enger Nähen des Vaginaleingangs. Dies sei nicht nur in Afrika weit verbreitet, sondern auch in westlichen Kulturen. Nur bei uns heiße das Husband Stitch: Wenn eine Frau bei einer Geburt einen Dammschnitt hat, dann wird dabei der Vaginal-Eingang hinterher mitunter enger zugenäht. 

"Auch das sind ernstzunehmende Eingriffe und die werden nicht erst dann zu einem Problem wenn braune Menschen die machen."
Mithu Sanyal, Journalistin