• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Niemand in der kleinen Hafenstadt wollte, dass der alte Kapitän stirbt, aber alle scheinen ausnahmslos etwas darüber zu wissen. "Maigret und der geheimnisvolle Kapitän" heißt der 15. von mehr als 100 Fällen des Pariser Kommissars Jules Maigret.

Gegen drei Uhr nachmittags hatte der Zug Paris bei schönstem Herbstwetter verlassen. Jetzt dämmerte es bereits. Jules Maigret sitzt behaglich in seiner Ecke und beobachtet durch seine halb geschlossenen Augen die zwei Menschen, die ihm gegenübersitzen. Während der eine schläft, starrt die andere erschöpft und schweigsam ins Leere. Was sollte er von den beiden halten?

"Der Mann" – so hatten sie ihn fünf Tage lang genannt, weil sie nicht wussten, wer er war – wurde auf dem Boulevard aufgegriffen, weil er zwischen den Autos herumgeirrt war. Dabei hatte er gelächelt. Er lächelt immerzu. Auch wenn er wie ein sattes Kind friedlich schläft, so wie jetzt. Fünf Tage lang hatten sie ihn im Krankenhaus untersucht und von morgens bis abends verhört, hatten Telegramme verschickt und um die halbe Welt telefoniert, hatten Strafregister, Meldekarteien und Krankenakten durchsucht, hatten Dolmetscher für mehrere Sprachen herbei zitiert, hatten seine Kleidung und jedes Staubkorn daran analysiert.

"Mit jeder gewonnenen Erkenntnis, wuchs das Geheimnis um ihn."
Lydia Herms über "Maigret und der geheimnisvolle Kapitän"

Er ist um die fünfzig. Er ist groß, breit und kräftig. Er trägt eine Perücke, die eine verheilte Narbe verdeckt. Eine Kugel hat seinen Schädel verletzt, ist aber professionell entfernt worden. Und das vor nicht mehr als zwei Monaten. Er trägt keine Papiere, nur fünf Tausend-Franc-Scheine bei sich. In seinen Taschen findet man Spuren von Fischköder, der vor allem in Norwegen beim Sardinenfang eingesetzt wird. Er spricht nicht. Er lächelt nur.

Die Haushälterin erkennt ihn auf einem Foto

Erst als ein Foto von ihm in allen Zeitungen erscheint, wird seine Identität geklärt. Die Haushälterin Julie Legrand erkennt ihren Arbeitgeber. Seit sechs Wochen gilt der als vermisst; "der Mann" heißt Yves Joris, war früher Kapitän bei der Handelsmarine, arbeitet jetzt als Hafenmeister und Schleusenwärter in Ouistreham. Er liebt das Gärtnern, geht früh zu Bett und wird von allen im Ort gemocht. Warum also wird ihm zuerst in den Kopf geschossen – und dann aufwendig das Leben gerettet?

Deutsche Neuauflage des Gesamtwerks

"Maigret und der geheimnisvolle Kapitän" heißt der 15. von mehr als 100 Fällen des Pariser Kommissars Jules Maigret. Sein Schöpfer – der Belgier Georges Simenon – schrieb die Romanserie innerhalb von 40 Jahren. Der erste Fall erschien im Jahr 1931. Eine komplett überarbeitete Neuauflage des Gesamtwerks erscheint Buch für Buch seit 2018.

"Zu denen, die ihn feierten, soll auch Kurt Tucholsky zählen, der beispielsweise lobte, dass in den Maigret-Romanen wenig passieren würde, man die Bücher trotzdem nicht weglegen könne."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literatur-Expertin

Simenons schriftstellerisches Talent war bereits zu seinen Lebzeiten heiß umstritten. Die einen halten seine Bücher für gähnend langweilig und trivial, die anderen feiern ihn für die ruhige Spannung und die lebendigen Beschreibungen.

Das Buch

"Maigret und der geheimnisvolle Kapitän" (Originaltitel: "Le port des brumes", 1932, deutsche Erstausgabe: "Nebel über dem Hafen", 1952), der 15. Fall von Georges Simenon, Kampa Verlag, 236 Seiten, gebundene Ausgabe: 17,99 Euro, E-Book: 13,99 Euro, Hörbuch-Download (gelesen von Walter Kreye): 10,99 Euro; Erscheinungstag: 29.05.2020