In den 1930er Jahren versuchten Sozialdemokraten, den Aufstieg der NSDAP zu verhindern- mit Aufklärungsarbeit, rationalen Argumenten und intellektueller Überzeugungskraft. Sie scheiterten. In seinem Vortrag analysiert der Historiker Christian Dietrich die Gründe dafür.

Was kann man tun gegen rechtsextreme Ideen und antisemitische Propaganda? Wie kann man anti-demokratische Strömungen effektiv bekämpfen? Mit Aufklärung natürlich! Das dachten sich Sozialdemokraten schon in den 1930ern.

"Die SPD intensivierte ihre Schulungsarbeit und bot Wochenendkurse an, die die Bekämpfung des Nationalsozialismus zum Thema hatten."
Christian Dietrich, Historiker

Doch es half nichts. Die Methoden, die die SPD wenige Jahre zuvor noch sehr erfolgreich gegen nationalistische Strömungen eingesetzt hatte, griffen nicht mehr. Woran das lag, erklärt Christian Dietrich in seinem Vortrag.

"Der historische Blick versucht, das Werden der Gegenwart aus dem Werden der Geschichte zu verstehen. Das tut er mit dem Ziel, die Gegenwart zu erhellen."
Christian Dietrich, Historiker

Christian Dietrich ist Historiker an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). In seine historischen Überlegungen bezieht er soziologische Forschungsansätze eng mit ein. Dabei geht es ihm stets auch um die Gegenwart.

"Richtig vergangen ist Vergangenheit nur, wenn sie keine Effekte auf Gegenwart und Zukunft mehr hat."
Christian Dietrich, Historiker

Warum verhallten 1930 die Argumente demokratisch gesinnter Intellektueller?

Parteien, die Jüngere nicht mehr erreichen, fehlt die Reichweite

Um das zu beantworten, hat sich Christian Dietrich genauer angesehen, wie sich die SPD damals zusammensetzte. Die Mitgliederzahl der Partei nahm zu. Aufklärungsarbeit, sollte man meinen, hätte also greifen müssen.

"Auch wenn die Mitgliederzahl der SPD in den Krisenjahren stieg, so hatte die Partei den Kontakt zu den jüngeren Generationen weitgehend verloren."
Christian Dietrich, Historiker

Doch Mitgliederverzeichnisse von damals zeigen, dass nur wenige Mitglieder unter 30 Jahre alt waren. Die Partei erreichte die Jüngeren nicht mehr. Der Aufklärungsarbeit fehlte die Reichweite.

Christian Dietrichs Vortrag hat den Titel "Die schwindende Kraft des Arguments. Über die Grenzen intellektueller Interventionen". Es ist seine Antrittsvorlesung, die er am 6. Juli 2021 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gehalten hat im Rahmen des Forschungskolloquiums "Diaspora, Exil, Migration".