Wo viele Menschen eng zusammenleben, muss die Müllentsorgung geregelt sein. Der Historiker Sören Flachowsky hat erforscht, wie sich die private Müllentsorgung in Berlin hin zu einer kommunalen Dienstleistung entwickelt, wie sich der Müll im Verlauf der Jahrzehnte verändert und wie sich die Berliner Stadtreinigung im Nationalsozialismus verhalten hat.

Wie auch in anderen Städten entwickelt sich auch in Berlin eine geregelte Müllabfuhr nur langsam. Bis ins 19. Jahrhundert hinein stapeln die Einwohner ihren Müll in den Höfen oder sie schmeißen ihn auf die Straße. In unregelmäßigen Abständen wird er von privaten Fuhrbetrieben abgeholt und zwar in offenen Wagen, erzählt Sören Flachowsky in seinem Vortrag.

Mehr Menschen, mehr Müll

Da etwa ein Drittel des Mülls Asche aus den Kohleöfen zum Beheizen der Wohnungen ist, bedeutet das eine enorme Staubbelastung für die Stadt. Und Berlin wächst: 1871 leben auf dem Gebiet des späteren Groß-Berlin etwa 930.000 Menschen, 1919 sind es bereits 3,8 Millionen.

"Diese Mülltonne wog im leeren Zustand 40 Kilo. Voll wog sie 200 Kilo!"
Sören Flachowsky, Historiker

Ab 1893 ist gesetzlich geregelt, dass Kommunen Vorgaben zur Müllentsorgung machen und Gebühren dafür erheben dürfen. Die Einwohner müssen die neuen kommunalen Betriebe nutzen. Ab 1922 ist in Berlin die Berliner Müllabfuhr-Aktiengesellschaft (BEMAG) für die Müllabfuhr zuständig. Der Job ist hart, das Einkommen für die Arbeiter aber überdurchschnittlich gut.

Eine Müllabfuhr-Kutsche ohne Staubschutz in Berlin-Charlottenburg um 1912
Müllabfuhr in Berlin-Charlottenburg um 1912

Unterdurchschnittlich viele Müllwerker in der NSDAP

Unter den Angestellten der BEMAG finden sich mehr Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als unter den BEMAG-Arbeitern. Insgesamt aber lag der Organisationsgrad der BEMAG-Mitarbeiter unter den deutschlandweiten Zahlen, nämlich bei nur 43 Prozent.

"Zwischen 1933 und 1945 waren letztlich nur 43 Prozent der Stadtreiniger in einer der zahlreichen Gliederungen der NSDAP erfasst."
Sören Flachowsky, Historiker

Wenn man bedenkt, dass diese Zahl 1939 für Gesamtdeutschland bei 86 Prozent lag, wiesen die Berliner Stadtreiniger also einen weitaus geringeren Mobilisierungsgrad auf, sagt Sören Flachowsky.

Sören Flachowsky ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung (IZWT) der Bergischen Universität Wuppertal. 2021 erschien seine Forschungsarbeit zur Berliner Stadtreinigung in Buchform unter dem Titel "Saubere Stadt. Saubere Weste? Geschichte der Berliner Stadtreinigung von 1871 bis 1955 mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus".

Seinen Vortrag mit dem Titel "Nicht nur Saubermänner! Die Berliner Stadtreinigung im Nationalsozialismus" hat er am 5. Mai 2022 im Einstein Forum Potsdam gehalten.

Das Artikelbild zeigt einen Sprengwagen der Stadtreinigung in Berlin im Jahr 1904, das Bild im Text eine Müllabfuhr-Kutsche ohne Staubschutz in Berlin-Charlottenburg um 1912.

  • Hörsaal
  • Moderation:  Katja Weber
  • Vortragender:  Sören Flachowsky, IZWT, Bergische Universität Wuppertal