Statt zu reden, beleidigen sich Menschen, bauen Feindbilder auf und beginnen sich zu hassen. Der Journalist Bastian Berbner will diesen Prozess mit seinem Podcast "180 Grad – Geschichten gegen den Hass" durchbrechen.

"Hass, Rechtsextremismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben keinen Platz in Deutschland." So die Begründung der Bundesregierung für das Maßnahmenpaket gegen die Hasskriminalität im Netz, das sie jetzt beschlossen hat. Aber reichen die Maßnahmen aus, um Hass zu bekämpfen?

Begegnungen schaffen

Den Journalist Bastian Berbner beschäftigt seit Längerem die Spaltung in der Gesellschaft, die sich entlang verschiedener Themen zeige. Wie lassen sich Konflikte lösen, bevor sie sich zu unerbittlichen Auseinandersetzungen, Hass und Gewalt hochschaukeln? Als Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit hat Bastian Berbner 2018 das Projekt "Deutschland spricht" entwickelt. Darüber sollen Menschen über Themen ins Gespräch kommen.

Was liegt näher, als solche Streitgespräche aufzuzeichnen und die Menschen mit ihrer Stimme und ihren Emotionen erfahrbar zu machen? Für seine "Geschichten gegen den Hass" hat Bastian Berbner ein Aufnahmegerät gekauft und die Begegnungen festgehalten.

"Viele Konflikte in der Gesellschaft, der Hass, basiert auf Vorurteilen. Menschen entwickeln Feindbilder über andere Menschen, die sie nicht kennen."

In den vielen Gesprächen zeige sich ein Grundproblem: Der Hass werde durch Vorurteile genährt. Diese Vorurteile entstehen, weil Menschen Feindbilder gegenüber anderen entwickeln, die ihnen fremd sind, die sie nicht kennen. Bastian Berbner macht das an Beispielen fest: Pegida würde gegen den Islam dort am meisten mobilisieren, wo kaum Muslime leben würden – in Sachsen. Oder: AfD-Wähler würden dort pauschal als Neonazis abgeurteilt werden, wo sie weniger häufig vorkämen – in westdeutschen Metropolen.

Raus aus der Filterblase - Vorurteile durch Kennenlernen abbauen

Ausgehend von der Erkenntnis, dass immer die Abwesenden den Hass auf sich ziehen würden, sei die Lösung einfach, sagt Bastian Berbner: Kontakt herstellen zwischen denen, die sich nicht leiden können.

"Die Lösung ist sehr einfach, fast banal: Kontakt zwischen denen, die sich nicht leiden können."
Bastian Berbner über seinen Podcast "180 Grad – Geschichten gegen den Hass"

Dass es zu dieser Spaltung in der Gesellschaft gekommen sei, durch die manche Gesellschaftsgruppen nicht mehr miteinander in Kontakt kämen, läge daran, dass wir uns mehr in Blasen bewegten, mit Menschen im Kontakt stehen, die uns ähnlich seien oder ähnliche politische Ansichten hätten. Das würden auch Forschungen belegen, dass Gruppen oder Milieus, die in sich homogen seien, nach außen aggressiv reagieren und verstärkt Vorurteile gegenüber anderen Gruppen aufbauten.

"Wie kann man es schaffen, dass Leute, die ihre Filterblase gar nicht verlassen wollen, das tun?"
Bastian Berbner über seinen Podcast "180 Grad – Geschichten gegen den Hass"

Die Schwierigkeit läge vor allem darin, die Menschen dazu zu bewegen, ihre Filterblase zu verlassen und mit anderen in Kontakt zu kommen. Beispiele, wie das klappen kann, hat Bastian Berbner weltweit gefunden: Irland, Dänemark, Botswana, Zürich und in den USA. Teilweise sei es sogar mit politischen Mitteln gelungen, Kontakte und Begegnungen zwischen Andersdenkenden herzustellen wie zum Beispiel in Botswana.

Ängste abbauen

Aus Deutschland nennt Bastian Berbner das Beispiel von zwei Hamburger Rentner, die Vorurteile gegen Roma hatten, als besonders eindringlich. Sie hätten sehr viel Angst gehabt und sich abgehängt gefühlt. In die Nachbarwohnung der beiden Rentner zog eine Roma-Familie ein – heute seien sie beste Freunde. Die Rentner hätten gemerkt, dass ihre Angst vor Ausländern nicht begründet gewesen sei und hätten ihre Meinung geändert.

In Irland hat Bastian Berbner einen älteren Briefträger getroffen, der "unfassbar homophob war". Er habe bewusst einen schwulen Mann getroffen und viel Zeit mit ihm verbracht. Diese Begegnungen hätten dazu geführt, dass er seine Homophobie abgelegt habe, sich beide befreundet hätten und er am Ende sich sogar für die gleichgeschlechtliche Ehe eingesetzt habe.

Begegnungen und Austausch zwischen Politikerinnen und Bürgern schaffen

Die Bürgerversammlungen, bei denen Politikerinnen und Politiker mit Bürgern ins Gespräch kommen, würden dazu beitragen, dass die Bürger besser verstehen könnten, wie Politik funktioniere und dass Entscheidungen nicht einfach zu fällen seien. Das hätte er vor allem bei den Versammlungen in Irland erfahren, sagt Bastian Berbner.

Botswana - 20 Stämme, eine Nation

Botswana ist für Bastian Berbner ein gutes Beispiel dafür, wie ein gespaltenes Land zusammenfinden kann. Botswana war zur Zeit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1966 eine Stammesgesellschaft. Die 20 Stämme konnten sich untereinander nicht leiden und waren teilweise verfeindet.

"Botswana ist das erfolgreichste Nationbuilding, das in den letzten 70 Jahren betrieben wurde."
Bastian Berbner sammelte weltweit "Geschichten gegen den Hass"

Den Politikern sei es damals gelungen, die Stammesrivalitäten, die kulturellen und sprachlichen Unterschiede so in den Hintergrund zu drängen und durch eine nationale Identität zu ersetzen, sodass es heute ein vereintes Land sei. Wie der Staat vorgegangen ist, beschreibt Bastian Berbner an einem Beispiel, das er in der Sendung Einhundert erzählt.

Mit Blick auf die 30 Jahre Deutsche Einheit stellt sich Bastian Berbner die Frage: Sind wir Deutschen wirklich zusammengewachsen oder geht das noch besser?