Heute ist erste Mai – Tag der Arbeit. Die politische Zerrissenheit in Deutschland groß. Unser Reporter Stephan Beuting hat darum eine These: Wer nicht nur Gesellschaft, sondern Gemeinschaft will, der muss miteinander reden und zuhören.

Unser Reporter Stephan Beuting war heute unterwegs, um mit Leuten zu sprechen, mit denen er normalerweise nicht in Kontakt kommt. Er meint: Grundsätzlich zu werden, ist in letzter Zeit nicht so leicht. Viele Debatten, im Netz etwa, seien vergiftet. Stephan war darum in Tannenbusch nördlich von Bonn. Hier herrschen 60 Prozent Arbeitslosigkeit, es gibt eine Salafistenszene und die Polizei fährt in Doppelstreifen.

"Tannenbusch ist ein Ort, an dem ich maximal durchfahre, aber nie freiwillig anhalte, geschweige denn mit jemandem spreche."
Stephan Beuting, Deutschlandfunk Nova

Stephan hat sich hier mit fremden Menschen auf der Straße unterhalten. Sein Mikro hat er dabei nicht angemacht – das hätte die Gespräche eher gestört, meint er. Er trifft so Rashid. Der denkt zuerst, unser Reporter sei von der Kripo. Zu ihm gekommen ist er trotzdem, weil er meint, dass es ohne Vertrauensvorschuss nicht geht im Leben. Das sieht Stephan genauso und so haben die beiden eine erste Gemeinsamkeit.

"Heute Morgen hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung, dass es Hajdar gibt. Genauso wenig wusste ich von Rashid."
Stephan Beuting, Deutschlandfunk Nova

Interesse an dem, was politische Debatte ist, gibt es in Tannenbusch wenig. Rashid zum Beispiel sagt, dass er in seinem Betrieb, in dem er Kunststoffbehälter produziert, merkt, wie jüngere Flüchtlinge in Leiharbeitsverhältnissen ausgebeutet werden. Wer die Klappe aufmache, der müsse gehen. Für ihn ist das ein großes Dilemma. In seinen 27 Jahren in Deutschland habe er gelernt, sich extrem anzupassen. Immer auf der Linie gehen, so Rashid.

Deutschland sei insgesamt ein gutes Land

In Stephans Gesprächen wird sehr wohlwollend über Deutschland geurteilt. Ein gutes Land sei das insgesamt. Über Angela Merkel sagen die Leute, dass sie hart für Deutschland arbeite und über Tannenbusch sagen sie, das sei ein Ort, an dem man eigentlich gut leben könne. Das sieht auch Hajdar so, obwohl der kein leichtes Leben hat: acht Stunden Gebäudereinigung, dann sieht er kurz seine fünf Monate alte Tochter, dann muss er noch drei Stunden Pizza ausliefern.

Susanne, verheiratet und Mutter, erzählt, dass es in Tannenbusch besser sei, als viele denken. Es gebe bezahlbare Mieten. Abends fühle sie sich hier zwar unsicher, aber ihre enge Nachbarschaft funktioniere prächtig.

Der Kern des 1. Mai

Der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt sagt zu Stephans Straßengesprächen, dass diese Kommunikation den Kern des 1. Mai treffe: "Dass man einen Tag schafft, an dem man seine politische Verantwortung wahrnehmen kann und auch seine gesellschaftliche Verbundenheit in der Solidarität mit anderen, die in ausbeuterischen Verhältnissen leben, das ist die Idee des 1. Mai."