Viele Patientinnen und Patienten quält nach einer Krebsdiagnose die Frage: "Warum unbedingt ich?" Viele geben sich selbst die Schuld an der Erkrankung, sagt die Psychoonkologin Iris Magdalena Stassek in ihrem Vortrag.

"Warum ich?" - diese Frage stellen sich viele nach einer Krebsdiagnose. Dabei hat der- oder diejenige in den meisten Fällen leider einfach nur Pech gehabt, sagt Iris Magdalena Stassek (geb. Sossalla), die als Psychoonkologin arbeitet, also Krebspatienten und -patientinnen psychologisch betreut. Dennoch entstünden nach der Diagnose Fantasien bei den Betroffenen, wonach irgendetwas oder irgendjemand die Krankheit ausgelöst haben müsse – bis hin zu Sätzen wie: "Das ist jetzt die Strafe für meinen Lebenswandel."

"In der Regel ist es so, dass die Überzeugung, an der eigenen Krankheit schuld zu sein, zu einem Anstieg der psychischen Belastung führt."
Iris Magdalena Stassek, Psychoonkologin

Schuldgefühle belasten Therapie

Wer sich aber ständig Selbstvorwürfe macht, belastet sich seelisch zusätzlich. Und das ist für den weiteren Verlauf der Therapie nicht gerade hilfreich, mitunter sogar schädlich.

Gegen Allmachtsfantasien

Iris Magdalena Stassek unternimmt in solchen Fällen den Umkehrschluss: Sie stellt die These auf, dass es sehr anmaßend sei, eine misslungene Lebensführung als Ursache des Übels auszumachen. Das wiederum würde ja bedeuten, jeder könne selbst bestimmen, ob er krank werde oder nicht. Sie nennt diese Logik daher "Allmachtsfantasien".

Veranstaltet hat das wissenschaftliche Symposium "Schuld und Scham" die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Es fand am 8. und 9. November 2019 am Ruhr-Universitätsklinikum Bochum statt.

Die Referentin, Iris Magdalena Stassek, ist nicht nur Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis, sie arbeitet auch an der Universitätsmedizin in Göttingen als Psychoonkologin. (Weil sie zwischen der Aufzeichnung des Vortrags und der Ausstrahlung geheiratet und einen neuen Nachnamen angenommen hat, wird sie im Vortrag noch Sossalla genannt, im begleitenden Text aber bereits Stassek.)

Auch der Vortrag "Sehen und Gesehenwerden – Zur Beziehung von Groll, Scham und Zorn zum Erleben von Schuld" des Psychoanalytikers Heinz Weiß aus der letzten Hörsaal-Sendung stammt von dieser Tagung.