Zum ersten Mal gibt es eine verlässliche und repräsentative Studie über Sexualleben und Beziehungen der Menschen in Deutschland. Jetzt ist klarer, wie viele Menschen homo-, hetero- bi- oder transsexuell sind.

Das gab es in Deutschland noch nie: Durch eine mehrjährige, aufwändige Studie dreier Institutionen ist jetzt bekannt, wie viele Menschen homo-, hetero- bi- oder transsexuell sind. In welchen Beziehungsformen die Deutschen wirklich leben. Wie sich das nach Altersgruppen verteilt. Wie sie gerne Sex haben.

Gesid-Studie mit 5000 Befragten

Die Daten finden sich in der Gesid-Studie der Uni Hamburg gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Gesid steht für "Gesundheit und Sexualität in Deutschland". Fast 5000 Personen im Alter von 18 bis 75 Jahren wurden zwischen Oktober 2018 und September 2019 ihren sexuellen Erfahrungen, Beziehungen und Einstellungen befragt. Die Befragten wurden so ausgewählt, dass sie die Bevölkerung gut repräsentieren.

Diese Studie ist wichtig, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Till Opitz, vor allem weil so wenig über unser Sexualleben bekannt war. "Es gab zum Beispiel bisher nur Online-Befragungen mit wenig Aussagekraft oder unbelegte Behauptungen." Wie der etwas, dass eigentlich niemand in offenen Beziehungen leben würde, oder dass sexuelle Minderheiten besonders vom rechten Rand gerne klein geredet werden.

Gesid-Studie: Durschnittsdeutsche ziemlich klassisch

Aus der Gesid-Studie ergibt sich, dass die Deutschen in Sachen Sex ziemlich klassisch und erwartbar unterwegs sind. "Vaginal und Oralverkehr dominieren sehr deutlich", erklärt Till Opitz. Aber jüngere Erwachsene sind offenbar etwas experimentierfreudiger: Bei den 18- bis 35-Jährigen haben fast 20 Prozent auch Analsex. Das ist eine sexuelle Spielart, die bei der Großeltern-Generation 66+ weniger beliebt ist.

"Was die Studie auch zeigt: Leute in Beziehungen haben tendenziell mehr Sex als Singles."
Till Opitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Für die meisten Deutschen ist Sex ein regelmäßiges Thema: Frauen und Männer zwischen 18 und 35 Jahren etwa haben fünf Mal pro Monat Sex, mit zunehmenden Alter nimmt die Häufigkeit nach und nach etwas ab. "Interessant sind die Zahlen bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25", meint Till Opitz: "Da hatte rund ein Drittel im letzten Monat gar keinen Sex." Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.

Fast drei Millionen Menschen sind nicht-hetero

In Sachen Sex mit dem gleichen Geschlecht sind die Deutschen relativ erfahren. Rund 15 Prozent aller Frauen unter 35 hatten schon mal was mit anderen Frauen - und rund 7,5 Prozent aller Männer unter 35 mit anderen Männern. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich etwa als homo- oder bi-sexuell betrachten.

"Ausprobieren und sich so labeln sind offenbar zwei verschiedene Dinge", sagt Till Opitz. "Rund 96,5 Prozent der Deutschen bezeichnen sich selbst als hetero und nur gut dreieinhalb Prozent als homo, bi oder anderes." Das sind fast drei Millionen Menschen.

Safer Sex ist schwieriges Thema

Problematisch ist, dass wir es beim Sex mit der Sicherheit nicht so genau nehmen. Immerhin über die Hälfte verwendet als Single oder bei Sex außerhalb der Beziehung immer oder zumindest ab und zu Kondome. Aber: Mehr als 40 Prozent schützen sich niemals mit Kondomen.

Der Gesid-Studienleiter Peer Briken kommt zu dem Schluss: "In dem Bereich der Kondomnutzung ist noch Luft nach oben." Zumindest schützen junge Menschen sich etwas häufiger als Ältere.

"In dem Bereich der Kondomnutzung ist noch Luft nach oben."
Peer Briken, Gesid-Studienleiter

Über HIV und den Schutz davor wissen viele Menschen Bescheid. Bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie zum Beispiel Chlamydien, Hepatititis B oder Filzläuse bestehen aber noch Wissenslücken - auch bei Jüngeren.

Darum seien weitere Informationskampagnen notwendig. "Wir haben immer nachwachsende Generationen, die natürlich immer wieder Informationen brauchen", sagt Heidrun Thaiss von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Forschenden wollen weiter Daten erheben, damit sie erkennen können: Wie verändert sich Sexual- und eben auch Risikoverhalten? Sex bleibt für die Wissenschaft also weiterhin wichtig und spannend.