Bei Frauen ist es die mangelnde Scheidenflüssigkeit, bei Männern die fehlende Erektion: Beide Phänomene stehen für typische Beispiele von Sexualstörungen. Und die können unsere Gesundheit gefährlich beeinflussen. Wer als Mann länger als sechs Monate keine Erektion mehr hat, setzt sich der großen Gefahr aus, schon in den nächsten fünf Jahren an einem Herzinfarkt zu erkranken. Bei Erektionsstörungen ist die Gefahr - wissenschaftlich belegt - um 70 Prozent erhöht.

Die Sexualität von Frauen ist viel komplizierter als die der Männer und somit ebenfalls sehr störanfällig. Chronischer Stress kann bei Frauen den Appetit auf Sex derart beeinflussen, dass sie schon beim Konsum von Pornofilmen nicht mehr im Normbereich reagieren.

"Gesunde Frauen, denen man einen Pornofilm vorgespielt hat: Hier sehen wir ganz deutlich, der visuelle Cortex ist angeregt. Sie schauen den sich an und verarbeiten die Reize."
Michaela Bayerle-Eder, Sexualmedizinerin

Nicht aber, wenn sie traurig gestimmt sind, oder sich überlastet fühlen. Die Sexualmedizinerin Michaela Bayerle-Eder vom Universitätsklinikum Wien berichtet hingegen von Porno schauenden Frauen, bei denen der visuelle Cortex nicht mehr reagiere. Frauen, die chronischem Stress ausgesetzt seien, würden die Reize in den Filmen gar nicht mehr richtig wahrnehmen, ihre Aufmerksamkeit für Sexualität sei sichtlich herabgesetzt. Genau diese Gruppe habe in ihrem Leben auch weniger oder gar keinen Sex. Bei Männern sehe es etwas anders aus: In der ersten Phase einer Stressbelastung steige bei ihnen das sexuelle Verlangen mitunter erst mal deutlich an. Das alles hat mit unterschiedlichen Hormonausschüttungen und Botenstoffen im Gehirn zu tun, die Bayerle-Eder ausführlich erläutert.

Alarmsystem Stress

Dass Dauerstress sich nicht nur auf die Sexualität auswirkt, sondern eine Reihe weiterer psychischer Erkrankungen auslösen kann, erläutert der Neuropsychologe Pasquale Calabrese von der Universität Basel. Unsere - archaisch geprägte - Reaktion auf außerordentliche Belastungen ist laut Calabrese mehrere Millionen Jahre alt. In unserer zivilisierten, reizüberfluteten Welt spielt die jedoch allerhand Kapriolen mit uns, die zu schweren Gesundheitsstörungen führen können.

"Stress ist ein überlebensnotwendiges Alarmsystem. Aber wenn es zu Dauerstress kommt in einer komplexen Beziehungswelt, dann wird uns dieses Alarmsystem zum Verhängnis."
Pasquale Calabrese, Neuropsychologe

Die beiden Referenten haben auf der Tagung "Stress: Fluch oder Segen - Gesund sein in hektischen Zeiten" auf dem Medicinicum im österreichischen Lech am Arlberg gesprochen. Bayerle-Eder über "Stress - der Sexkiller" und Pasquale Calabrese über "Stress und psychische Erkrankungen - Erkenntnisse aus Neurobiologie und Psychiatrie".

Weitere Vorträge aus der Reihe "Auf der Suche nach uns selbst"