Gewerkschaften sind in den USA eher eine Ausnahme. Seit der Corona-Pandemie organisieren sich aber immer mehr Beschäftigte von großen Konzernen und bilden erste Gewerkschaften. Die Politik unterstützt das.

Über 2600 Mitarbeiter*innen des New Yorker Amazon-Logistikzentrums auf Staten Island sind einen neuen Schritt gegangen: Sie haben für eine erste Gewerkschaftsvertretung bei dem Versandkonzern gestimmt. Rund 2100 ihrer Kolleginnen und Kollegen in dem New Yorker Amazon-Lager haben sich dagegen ausgesprochen.

Vor den Beschäftigten in dem Logistikzentrum haben sich im Dezember 2021 auch Mitarbeitende einer Starbucks-Filiale in Buffalo im Bundesstaat New York für die Gründung einer Gewerkschaft entschieden. Das passierte auch bei der Kaffeekette zum ersten Mal in den USA.

Und jetzt planen Beschäftigte einer Apple-Filiale im New Yorker Bahnhof Grand Central ebenfalls, sich in der ersten Gewerkschaft der Firmengeschichte zu organisieren. In den USA tut sich etwas in Sachen Arbeitnehmervertretung.

Neues Selbstbewusstsein unter Mitarbeitenden

Für den Aufschwung dieser Bewegung hat unter anderen die Corona-Pandemie gesorgt, sagt Peter Mücke, ARD-Korrespondent für die USA. "Viele haben die Pandemie – in der viele ihren Job verloren haben – genutzt, um sich zu hinterfragen, auch ihren Job zu hinterfragen: Ist es eigentlich das, was ich tun will? Hier für dieses Geld? Will ich mich hier weiter ausbeuten lassen?"

Zumal ihre Arbeitgeber teilweise viel Geld in dieser Zeit eingenommen haben. Amazon verdoppelte seinen Gewinn alleine im ersten Pandemiejahr 2020 um 21 Milliarden US-Dollar. Während die Mitarbeiter*innen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen protestierten.

"Generell muss man sagen, dass der Organisationsgrad in Gewerkschaften in den USA ohnehin viel geringer ist als das, was wir aus Europa oder Deutschland kennen."
Peter Mücke, ARD-Korrespondent für die USA

Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer sind gerade auch in einer besseren Verhandlungsposition als vor der Pandemie. Besonders im Niedriglohnbereich, zum Beispiel in Cafés oder Restaurants, suchen Arbeitgeber aktuell nach Mitarbeitenden.

Konservative Unternehmen und Politik gegen Gewerkschaften

Dass sich bei manchen der US-Ketten die ersten Gewerkschaften bilden, hat auch damit zu tun, wie sich die Arbeitnehmervertretungen aktuell organisieren: dezentral. Wie in dem New Yorker Amazon-Lager oder dem Starbucks-Geschäft in Buffalo schließen sich die Beschäftigten einzelner Standorte zusammen und stimmen darüber ab, ob sie sich in einer Gewerkschaft für ihren speziellen Betrieb organisieren möchten.

In der Vergangenheit haben die Gewerkschaften hingegen daran gearbeitet, eine Mehrheit der Mitarbeitenden des gesamten Unternehmens für sich zugewinnen. "Das konnten die Unternehmen meistens relativ leicht verhindern", so der Korrespondent. Sie haben ihre Beschäftigten zum Beispiel in speziellen verpflichtenden Schulungen versucht zu beeinflussen und gegen Gewerkschaften zu stimmen. Was auf großer Ebene offenbar funktioniert hat.

Besonders konservative US-Amerikaner*innen und auch die Republikanische Partei lehnen Gewerkschaften ab. Sie würden der Wirtschaft schaden und alles würde teurer werden, so das Argument. Wozu dieser Standpunkt führt, zeigt sich besonders in den Südstaaten des Landes. Dort gibt es praktisch keine gewerkschaftliche Organisierung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Was es für manche Unternehmen zusätzlich attraktiv macht, sich dort anzusiedeln.

"In den USA gibt es eine ganze Industrie von Anwaltskanzleien und Firmen, die Mitarbeiter in solchen Schulungen beeinflussen, damit sie gegen Gewerkschaften sind."
Peter Mücke, ARD-Korrespondent für die USA

Ein neuer Aufschwung für mehr Rechte

Wer die neue Bewegung hin zu mehr Gewerkschaften allerdings unterstützt, ist US-Präsident Joe Biden. Wie stark er sich für die Gewerkschaften einsetzen möchte, betonte er immer wieder.

Bei den Mitarbeitenden von Starbucks scheint der Plan aufzugehen: Nachdem die erste Filiale mehrheitlich für eine Gewerkschaftsbildung gestimmt hatte, möchten nun über 60 weitere Filialen der Kette ebenfalls abstimmen. Insgesamt besitzt das Unternehmen allerdings mehr als 8.900 Filialen in den USA.

Die Mehrheit der Beschäftigten eines Geschäfts braucht es, weil in den USA Unternehmen beziehungsweise einzelne Filialen oder Standorte des Unternehmens gewerkschaftlich organisiert sind. Das System ist dort ein anderes als zum Beispiel in Deutschland, wo einzelne Arbeitnehmer*innen für sich entscheiden, einer Gewerkschaft als Mitglied beizutreten.

Revolution oder Ausnahme?

Was in den nächsten Monaten für die Gewerkschaftsbewegung entscheidend werden wird, ist, ob sie es schafft, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten auszuhandeln, sagt Peter Mücke. "Wenn die Gewerkschaften nicht liefern können, dann könnte es eben auch ein Strohfeuer und schnell wieder vorbei sein."