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Nach 100 Jahren kehren die Bartgeier zurück nach Deutschland. Neben ihrem höchst außergewöhnlichen Speiseplan haben die Tiere noch eine optische Besonderheit vorzuweisen.

Lange Zeit hatte der Bartgeier in den Alpen keinen guten Ruf: Über hunderte Jahre hinweg glaubten die Menschen, dass er nicht nur Lämmer, sondern auch ab und zu kleine Kinder tötete, um sie an seinen Nachwuchs zu verfüttern. Deshalb wurde der Vogel auch "Lämmergeier" genannt.

Das ist komplett haltlos, und der schlechte Ruf hat den Bartgeier völlig zu Unrecht sagt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte und Biologe Mario Ludwig.

"Der Bartgeier hatte völlig zu Unrecht einen unglaublich schlechten Ruf."
Mario Ludwig, Biologe

Der Bartgeier wurde in den Alpen erbarmungslos verfolgt. 1906 wurde der letzte Bartgeier in Österreich abgeschossen. Erst in den 1980er-Jahren erfolgten vor allen in Österreich und der Schweiz Wiederansiedlungsprojekte. Derzeit leben circa 300 Bartgeier in den Alpen.

Jetzt kehren die Bartgeier auch nach Bayern zurück. Zwei junge Bartgeier aus dem Bartgeier-Zuchtzentrum Guadalentín in Andalusien werden in den Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert, um sich auch in Deutschland wieder zu verbreiten.

Der schwächere Nachwuchs verliert

Bis wir in Deutschland den ersten Bartgeier-Nachwuchs haben, wird es aber noch einige Jahre dauern, denn Bartgeier werden erst mit etwa sechs Jahren geschlechtsreif. Die erste Brut erfolgt erst mit acht Jahren. Dabei konnten Forschende ein sehr obskures Brutverhalten beobachten: Bartgeierweibchen legen meistens zwei Eier.

Diese schlüpfen jedoch nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Der Bartgeier, der als erstes geschlüpft ist, tötet dann in den ersten Lebenswochen seine jüngere Schwester oder den jüngeren Bruder.

"Kainismus", abgeleitet vom biblischen Brudermord, wird dieses Verhalten in der Biologie genannt. Offensichtlich wären die Bartgeiereltern mit der Aufzucht von zwei Jungtieren überfordert. Die Forschenden vermuten, dass das Weibchen dennoch zwei Eier legt, um eine Art Reserve zu haben, sollte dem ersten Jungen kurz nach der Geburt etwas zustoßen.

Knochen auf dem Speiseplan

Übrigens ernähren sich Bartgeier in Wirklichkeit hauptsächlich von Aas, das andere Tiere wie Füchse oder Steinadler übrig gelassen haben. Jagen liegt den Tieren eher fern. Dabei hat er sich vor allem auf die Knochen spezialisiert. 80 Prozent seines Nahrungsspektrums besteht aus Knochen.

Erwachsene Bartgeier können bis zu 18 Zentimeter lange und drei Zentimeter dicke Knochen verschlucken.

"Bei Aas haben sich die Bartgeier auf die Knochen spezialisiert. Das Nahrungsspektrum eines Bartgeiers besteht zu 80 Prozent aus Knochen."
Mario Ludwig, Biologe

Sind die Knochen noch größer, haben die Bartgeier eine raffinierte Technik entwickelt: Sie fliegen mit den Knochen im Schnabel hoch in die Luft und lassen ihn dann aus 60 bis 80 Meter Höhe auf eine Felsplatte fallen. Forschende nennen diesen Ort "Knochenschmiede". Das macht der Bartgeier solange, bis der Knochen zerschmettert ist. Manchmal braucht er dafür bis zu 40 Anläufe.

Durch die starke Magensäure, die dem pH-Wert von Salzsäure entspricht, können die Geier die Kalksubstanz von Knochen auflösen und das eiweiß- und fettreiche Knochenmark darunter freilegen.

Mit bunten Federn schmücken

Und die Vögel haben noch eine Besonderheit aufzuweisen: Sie gehören zu den ganz wenigen Tieren, die sich bewusst "schminken", wie es Mario Ludwig nennt.

Erwachsene Bartgeier beider Geschlechter haben normalerweise ein weißes Kopf-, Brust- und Bauchgefieder. Ab einem Alter von vier Jahren suchen die Bartgeier aber ganz gezielt nach Pfützen oder anderen Wasserstellen, die Eisenoxid-haltige Sedimente enthalten – also im Grunde verrostetes Eisen.

Darin nehmen die Vögel dann ein ausgiebiges Bad und verteilen dabei den eisenoxidhaltigen Schlamm mit Hilfe des Schnabels auf ihrem Gefieder. Dadurch färbt sich dann vor allem das Brustgefieder leuchtend orange-rot.

Ein Bartgeier mit orangefarbenem Gefieder
© IMAGO / blickwinkel
Ein Bartgeier mit orangefarbenem Gefieder

Warum die Bartgeier das tun, ist der Forschung noch nicht ganz klar. Manche vermuten, die bunten Federn sollen potenzielle Sexualpartner beeindrucken. Andere glauben, dass Eisenoxide Haut- und Federparasiten abtöten oder bei der Brut das Ei vor Infektionen schützen können.