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Zum Gedenken an den nach 20 Jahren abgeschlossenen Afghanistan-Einsatz finden in Berlin heute (13.10.2021) doch noch Zeremonien statt. Die Geste wird von Teilnehmenden begrüßt, viele Soldat*innen fühlen sich aber nach wie vor nicht ausreichend wertgeschätzt für ihr Engagement.

Mit mehreren Zeremonien werden am heutigen Mittwoch die deutschen Soldatinnen und Soldaten gewürdigt, die zwischen 2001 und 2021 in Afghanistan gedient haben. Politiker*innen ehren die Veteran*innen unter anderem mit einem Abschlussappell, einem Großen Zapfenstreich und einer Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin.

Kritik am Umgang des Einsatzes nach dem Abzug der Bundeswehr

Die Zeremonien in Berlin sind für die ehemaligen Afghanistan-Einsatzkräfte von extremer Bedeutung, sagt der Offizier Wolf Gregis, der zwischen 2008 und 2009 in Masar i Scharif und Kabul stationiert war. Er kritisiert aber auch den Umgang der Politik mit den Einsatzkräften. So wurde das letzte Kontingent, das aus dem Krisengebiet zurückkehrte, nicht von Vertreter*innen aus dem Bundestag willkommen geheißen. Deshalb seien die Festakte nun so wichtig für die rund 160.000 Veteran*innen.

"Diese Zeremonien sind von extremer Bedeutung, nachdem wir Ende Juni im Grunde nicht begrüßt wurden. Beim letzten Kontingent hat man vollkommen verkannt, welch immense Bedeutung eine solche Zeremonie für 160.000 Afghanistan-Veteranen hat."
Wolf Gregis, ehemaliger Afghanistan-Soldat

Für Rückkehrer Wolf Gregis ist es schwer nachvollziehbar, dass Druck der Öffentlichkeit notwendig war, um die Feierlichkeiten zu ermöglichen: "Wir waren im Auftrag des Bundestags dort entsandt über viele Jahre. Jedes Jahr hatten wir aufs Neue extrem gefährliche Aufträge auszuführen. Und am Ende muss man sich die Anerkennung und Wertschätzung auch hinsichtlich der gefallenen Kameradinnen und Kameraden noch erkämpfen." Das sei schwer zu begreifen, findet der ehemalige Afghanistan-Soldat.

Für "Stabilität und eine Art von Frieden" gesorgt

Sein Fazit des Afghanistan-Einsatzes fällt trotz der Rückkehr der Taliban nicht ausschließlich negativ aus. Wolf Gregis erklärt, es sei ein Stich ins Herz, zu sehen, dass der Feind, den man 20 Jahre bekämpfte, nun wieder an der Macht ist. Aber: "Dort, wo wir im Einsatz waren und dort, wo wir wirksam werden konnten, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen, haben wir für Sicherheit, Stabilität und eine Art von Frieden gesorgt. Das ist nichts, was man leichtfertig vom Tisch fegen sollte", mahnt er.

"Man fühlt sich verraten. Vor allem, weil es vermeidbar gewesen wäre. Hätte man Ortskräfte und Staatsbürger früher rausgeholt, wäre es nicht so dramatisch geworden."
Wolf Gregis, ehemaliger Afghanistan-Soldat

Wolf Gregis kritisiert das Ende des Einsatzes. Hätte man die Staatsbürger und Ortskräfte früher aus dem Land geholt, hätte viel Leid vermieden werden können, so seine Überzeugung. Auch sei es schwer zu verstehen, dass der der Feind, den man 20 Jahre lang bekämpft hat, nun mit am Verhandlungstisch sitze. "Da fragt man sich schon, warum man sich die Kugel ins Kreuz hat jagen lassen", sagt Wolf Gregis.

"Kernprobleme wie Korruption sind nicht angegangen worden. Wirtschaftliche Probleme liegen noch immer auf dem Tisch. Es gibt in Afghanistan diesen eklatanten Stadt-Land-Unterschied. Was wir in Kabul gesehen haben, spiegelt nicht das wider, was draußen im Land los ist."
Wolf Gregis, ehemaliger Afghanistan-Soldat

Der Aufbau der afghanischen Bevölkerung im handwerklichen Bereich durch die Bundeswehr ist gelungen, findet der ehemalige Soldat. Was nicht funktioniert habe, sei ein Staatsaufbau, aus dem das afghanische Volk Hoffnung schöpft.

Unser Artikelbild zeigt einen Großen Zapfenstreich der Bundeswehr anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Panzergrenadierbrigade 37 vom 06. Oktober 2021.