Das Loveparade-Unglück, bei dem 21 Menschen ihr Leben verloren haben, ist fast sechs Jahre her. Ein Strafprozess sollte die Verantwortlichen zu Rechenschaft ziehen, doch der Prozess ist geplatzt, weil das Gutachten eines Panikforschers nicht verwertbar ist. Wie kann so etwas passieren und welche Rolle spielen Sachverständige eigentlich im Gerichtssaal? Darüber haben wir mit Anwalt Thomas Saschenbrecker gesprochen.

Vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma Lopavent und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg wurde unter anderem fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Seit gestern ist klar: Zu einer Verhandlung wird es nicht kommen, weil das zentrale Beweismittel, das Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still, nicht verwertbar ist, sagt das Landgericht Duisburg.

Wenn ein Prozess wegen eines Gutachtens platzen kann, warum bestellt die Staatsanwaltschaft überhaupt einen Gutachter? Um komplexe Sachverhalte zu erfassen, ist das normalerweise sinnvoll, sagt der Anwalt Thomas Saschenbrecker. Werden sie eingesetzt, sind die Staatsanwaltschaft und das Gericht auch dazu verpflichtet, den Sachverständigen sehr sorgfältig auszuwählen und seine Tätigkeit genau zu überprüfen. Doch Standard ist das leider nicht: "Es gibt durchaus Sachverständige, die überhaupt keine Qualifikation haben und einfach so vom Gericht oder von der Staatsanwaltschaft ausgewählt werden.“

"Eine Qualifikation eines Sachverständigen ist nicht erforderlich und wird auch regelmäßig nicht ordentlich überprüft von den Gerichten"
Thomas Saschenbrecker, Anwalt

Der Sachverständige soll eigentlich Gehilfe von Gericht und Staatsanwaltschaft sein, so Saschenbrecker, doch genau das ist hier völlig aus den Fugen geraten. Hier hätte ein viel erfahrenerer und qualifizierterer Sachverständiger ausgewählt werden müssen und davon gibt es in Deutschland genug, so der Anwalt.

Gerichte sind oft zu bequem

Fraglich ist auch, warum das Gericht den Sachverständigen nicht wieder abbestellte. Das Gericht hätte die Verantwortung nicht so sehr auf den Sachverständigen verlagern dürfen, sondern eigenständig tätig werden und eingreifen müssen, sagt Saschenbrecker.

"Da hätte man viel viel früher schon Stopp sagen müssen."
Thomas Saschenbrecker, Anwalt

Teilweise passiere so was aus Bequemlichkeit der Gerichte, die durch die komplexen Sachverhalte oft überlastet seien und sich daher voll und ganz auf den Sachverständigen verlassen würden.

"Man lässt das einfach laufen, bis es irgendwann zu einer richtigen Geisterbahnfahrt wird.“
Thomas Saschenbrecker, Anwalt