Geschlechtergerechte Sprache ist ein bisschen kompliziert – wie jede andere Veränderung eigentlich auch. Hannover versucht sich seit 2019 an mehr kommunikativer Gerechtigkeit und ist auf bemerkenswerten Widerstand gestoßen, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

Die Suche nach einer geschlechtergerechte Sprache fängt mit dem Denken an. Manche Städte testen bereits ihre Optionen – Hannover hat 2019 damit angefangen. Unser Reporter Johannes Döbbelt hat sich angeguckt, was die Stadt da eigentlich verändert hat.

Neue Kommunikationsregeln

Hannover hat nach und nach die Empfehlungen für den Schriftverkehr der Stadt umgestellt. Das betrifft die interne schriftliche Kommunikation – zum Beispiel in E-Mails, betrifft aber auch alles, was öffentlich ist
beziehungsweise veröffentlicht wird: Briefe, Flyer, Pressemitteilungen,
Formulare und so weiter. Die Stadt empfiehlt verschiedenste
Varianten, um die rein männlichen Form zu umgehen oder um überhaupt männliche und weibliche Form nicht nennen zu müssen.

  • aus Lehrern werden Lehrkräfte
  • statt Teilnehmer Teilnehmenden
  • statt Projektteilnehmer Projektteam
  • statt keine und keiner soll lieber das Wort niemand verwendet werden

Auf Formularen steht laut den offiziellen Empfehlungen nicht mehr Name des Antragstellers, sondern einfach Ihr Name.
Die Stadt empfiehlt oft ein Verb statt eines Substantivs zu benutzen. Beispiel:

Aus Bewerber können sich melden bei.
wird
Wer sich bewirbt, kann sich melden bei.


Frederike Kämpfe ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover. Sie erklärt, wie sich auch die Begriffe Redepult und Redeliste Gendergerechtigkeit auf sprachlicher Ebene herstellen können. Für sie ist diese Aufgabe ein Prozess.

"Nicht vom Rednerpult zu sprechen, sondern vom Redepult oder vom Stehpult – das sind einfach Dinge in der alltäglichen Schriftkommunikation, die überdacht wurden."
Frederike Kämpfe, Gleichstellungsbeauftragte, Hannover

Hannover hat sich in der Schriftsprache für Gendersternchen entschieden, aber nur dort, wo anderen Varianten nicht funktionieren – bei der Dezernent*innen-Konferenz zum Beispiel. Die heftige Empörung der Gegner – auch außerhalb von Hannover – hat Frederike Kämpfe schon überrascht.

"Wer sich feministisch äußert und dann auch noch das Thema Sprache benennt, der muss irgendwie damit rechnen, dass das bei vielen nicht auf Begeisterung stößt."
Frederike Kämpfe, Gleichstellungsbeauftrage, Hannover  

Sie sei wochenlang mit nichts anderem beschäftigt gewesen, als die vielen Reaktionen zu lesen und zu beantworten. Auch Politikerinnen und Politiker oder Sprachforschende haben die Veränderungen in Hannover öffentlich als Sprachzerstörungsprozess diffamiert oder als unzumutbare Sprachsteuerung von oben bezeichnet.

Manche sachliche Kritik habe die Stadt bei den neuen Sprachregelungen der Stadt berücksichtigt, sagt Frederike Kämpfe. Bestimmte Formulierungen seien noch mal verändert worden.

Beifall und Nebenwirkungen

Positive Reaktionen gab es auch – auch andere Kommunen haben sich von Hannovers neuen Regeln inspirieren lassen, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte.

"Als ich bei einem Vernetzungstreffen war, haben viele Kolleginnen gesagt: Seit das bei euch war, hat sich bei uns in Sachen Sprache einiges getan."
Frederike Kämpfe, Gleichstellungsbeauftrage, Hannover