Die Stadt Hannover hat in ihrer Verwaltung die geschlechtergerechte Sprache eingeführt. Ganz entscheidend dabei: Worum geht es und wer soll angesprochen werden? Ein Flyer soll dem Team der Verwaltung bei der passenden Anrede helfen. Unsere Reporterin hat sich umgehört, wie das im Alltag funktioniert.

Bei der Stadt Hannover fängt alles schon ganz am Anfang von offiziellen Schreiben an: Anreden wie "Herr und Frau sowieso" oder "Damen und Herren" sollen eigentlich ganz vermieden werden, sagt unsere Reporterin Kristin Mockenhaupt. Die Stadt Hannover hat extra Flyer mit neuen Richtlinien für ihre Mitarbeiterinnen herausgebracht. Was schnell klar wird:  Es gibt nicht die eine richtige Art und Weise, sondern Formulierungen sollen an die Zielgruppe angepasst werden, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover, Friederike Kämpf.

"Wenn es darum geht, Gäste anzusprechen, dann schreibt man einfach‚ 'Liebe Gäste' oder 'Sehr verehrte Gäste'. Wenn es darum geht, Kolleginnen anzusprechen, dann schreibt man einfach "Liebe Kolleg*innen" mit einem schönen Gender-Sternchen. Und wenn darum geht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzusprechen, dann schreibe ich 'Sehr geehrte Mitarbeitende der Stadtverwaltung.'"
Friederike Kämpf, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover

Die Idee dahinter: Genauer schauen, wer in welcher Funktion angesprochen wird und worum es eigentlich geht. Für diese verschiedenen Situationen zeigt die Stadt Hannover jetzt ihren Mitarbeitern, wie sie in Anschreiben vermeiden können, dass sich Menschen wegen ihres Geschlechts benachteiligt fühlen. 

Es kommt auf Situation und Personenkreis an

Das heißt aber nicht, dass jedes Verwaltungsschreiben, das die Stadt Hannover in Zukunft verschickt, geschlechtsneutral gehalten ist. Wenn zum Beispiel klar ist, dass nur Frauen an einer Veranstaltung teilnehmen, ist es auch möglich, "Liebe Frauen" oder "Sehr geehrte Damen" zu schreiben. 

Der Stern ist nicht barrierefrei

Die Richtlinien empfehlen, sich im Zweifelsfall für eine neutrale Form zu entscheiden, wie eben Mitarbeitende, Gäste, Teilnehmende, Wählende oder Studierende – wie das an vielen Unis schon längst gang und gäbe ist. Den häufig auch genutzten Gender-Stern empfiehlt die Stadt für Texte hingegen nicht, da er nicht barrierefrei ist. Die Software von Sprachcomputern, die zum Beispiel Sehbehinderte nutzen, übersetzt dann Kolleg*innen  als "Kolleg Stern Innen".

Mit einer geschlechtergerechten Ansprache von Menschen ist es aber nicht getan. Die Stadt hat noch einmal dafür sensibilisiert, dass Institutionen, die einen weiblichen Artikel haben, auch grammatikalisch korrekt behandelt werden sollen. Die Stadt Hannover ist also nicht Herausgeber einer Broschüre, sondern Herausgeberin. 

Fast erwartbar - die Anstrengungen der Stadt sorgen auch für Kritik. In Medien und Social Media wird von "Gender-Wahnsinn" oder "Gender-Gaga" fabuliert. Und natürlich darf auch ein Klassiker unter den rhetorischen Fragen nicht fehlen: "Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?" Besonders ängstliche Gemüter sorgen sich sogar, Hannover könne die Geschlechter abschaffen. Die Mitarbeiterinnen scheinen selber offener für das Thema zu sein, zumindest hört man bislang keine Kritik an den Vorgaben.