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Der Protagonist des Debutromans "Beide Leben" heißt Snoopz. Die Hauptfigur ist zugleich das Alter Ego des Autoren Gabriel Krauze. Die Geschichte stellt eine Art literarische Erinnerung an das frühere Leben als Kleinkrimineller dar, das der Autor selbst einst geführt hat.

Snoopz lebt in einer Wohnung im vierten Stock des Blake Courts in South Kilburn in London. Keine besonders einladende oder gute Gegend. Die Analogie zu seinem Leben wird durch seine Beobachtung einer Motte widergespiegelt. Die Motte flattert in sicherem Abstand unter einer Lampe herum, sodass sie sich am heißen Glas nicht verbrennt. Sie fliegt aber nicht weg.

Er kann gehen, aber nicht vor sich selbst davonlaufen

In seinem tiefsten Inneren weiß Snoopz, dass er nicht wirklich von diesem Ort fortkommen kann, egal wohin er zieht, an welche Uni er geht, welchen Job er annimmt.

Wenn ihn Nachbarn von früher erkennen und fragen, warum er nach South Kilburn zurückgekommen ist, dann sagt er, dass er einen Roman über den Ort und sein Leben schreiben will. Aber das ist tatsächlich nur die halbe Wahrheit.

"Er ist an diesem Ort, weil er sich an jedem Ort der Welt früher oder später fremd fühlen würde."
Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms über den Roman "Beide Leben" von Gabriel Krauze
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Er ist nicht nur an diesem Ort, um darüber zu schreiben. Er ist dort, weil er dorthin gehört. Weil er nicht wegkann. Weil er froh ist, einen Ort für sich gefunden zu haben. Genauso wie die Motte, die in sicherem Abstand unter der Lampe herumflattert, bleibt auch er an diesem Ort und verweilt.

Und Snoopz möchte auch nicht schreiben, um sein Leben zu verarbeite, es hinter sich zu lassen oder zu vergessen. Die Schüsse, die Raubzüge, all die krassen Aktionen. Es zu vergessen, wäre sowieso nicht möglich. Er schreibt, um der Welt zu zeigen, wie es ist.

"Die Angst ist überall, trotzdem kann sich Snoopz nichts Besseres vorstellen, als hier zu wohnen. Zu Hause hat er es nicht mehr ausgehalten."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

Snoopz Mutter lässt ihn bei jeder Gelegenheit spüren, was sie von ihm hält: wenig. Sie ist bildende Künstlerin. Ihre Erwartungen an die beiden Söhnen sind hoch.

Während Snoopz Bruder fleißig viele Stunden am Tag Geige übt, dreht Snoopz lieber Dinger mit seinen kleinkriminellen Freunden. In der Schule ist er eher schlecht. Außer in seinem Lieblingsfach Englisch - da hat er eine Eins.

Snoopz liebt Sprache und liest in jeder freien Minute. Er perfektioniert die Technik, wie er die Nachttischlampe so anschaltet, dass kein Klick seinen Eltern verrät, dass er noch nicht schläft, sondern liest.

Der Plan vom Leben, der keiner ist

Lesen ist das Größte für Snoopz: Es ist besser als Freestyle rappen, Mädchen-Klarmachen und Diamantringe von den Fingern fremder Menschen zerren - und das zur Not auch mit Gewalt.

Auch wenn er nicht wirklich einen Plan für seine Zukunft hat, eins weiß er: Er wird studieren und ein Buch schreiben. Wie das geht, weiß er allerdings noch nicht. Genauso wenig, wie er weiß, ob er nicht vorher im Gefängnis landet, weil er jemanden erschossen hat. Oder ob er nicht selbst draufgeht: Genauso wie eine Motte, die an einer Lampe verglüht.

Das Buch

"Beide Leben" (OT: "Who They Was") von Gabriel Krauze, aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, erschienen bei Kein und Aber, 348 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 23 €, E-Book: 17,99 €; ET: 9.9.2021