Gab es 2015 mehr Hass im Netz? Schwer zu sagen, für den Journalisten Mohamed Amjahid gab es jedenfalls viel zu tun.

Er hat einen Weg gefunden mit kruden Briefen, Tweets und Kommentaren umzugehen. Gemeinsam mit anderen Journalisten veranstaltet er die "Hate-Poetry"-Events. Hier bekommen die Hasskommentierer allerdings nicht die Bühne, die sie sich wünschen. "Sondern wir lachen über die Rassisten", sagt Mohamed Amjahid. Und zwar, indem sie deren seltsamen Nachrichten vorlesen.

Beleidigungen und Drohungen, die sie erhalten, "weil wir einen komischen Namen haben", sagt der Journalist. Komisch sind ihre Namen zwar nicht, aber Amjahid, Akrap und Musharbash klingen eben nicht typisch deutsch. Das reicht offenbar für einige, um loszufeuern. "Die Kunst dabei ist, die Absurdität auf der Bühne zu zeigen“, erklärt er das Konzept. Und das ist tatsächlich lustig.

Und immer wieder "Lügenpresse"

Absurd sind die Briefe und Emails eigentlich immer, manchmal auch nur böse und vulgär. Von plumpen "Fotze-Arschloch-Kanacken"-Beleidigungen bis zu ideologisch-ekligen Pamphleten ist alles dabei. Eine Statistik der fiesen Nachrichten führt Mohamed Amjahid nicht, er sagt aber: "2015 ist es zumindest gefühlt mehr geworden, weil die Diskussionen sehr polarisiert wurden."

"Man muss nur das Wort Flüchtlinge in einen Text einbauen und schon fühlen sich einige provoziert."
Mohamed Amjahid, Journalist und Mitveranstalter bei Hate Poetry

Ein Stichwort, das in diesem Jahr sehr oft vorkam: "Lügenpresse". Die Strategie, alle Medien in einen Topf zu schmeißen war offenbar weit verbreitet und führte zu Tweets wie diesem hier: "Keine Sorge. Wir beide wissen, dass die #Lügenpresse dauernd nur mit Dreck wirft in der Hoffnung, es bleibt was kleben. #AfD". Als ausgemachtes Feindbild gelten "lügende Journalisten" - "und da ich Mohamed heiße, ist das alles noch schlimmer", ergänzt Mohamed Amjahid ironisch.

Um den Hass auf sich zu ziehen, braucht es nicht viel. "Flüchtlinge ist ein Signalwort", sagt der Journalist. Da muss es nicht einmal direkt um Einwanderungspolitik, Pegida oder andere rechtspopulistischen Bewegungen gehen. Andere Dauerbrenner sind die Themen "Frauenquote" und "Gender Mainstreaming." Viele Kommentare hierzu zeigen, welche Einstellungen noch in vielen Köpfen schlummern. Da müsse man vielleicht noch mal überdenken, wie weit die Gleichberechtigung in Deutschland tatsächlich sei, meint Mohamed Amjahid.

"Es gibt Professoren, die sich Mühe geben, ihren Hass zu verwissenschaftlichen und schön auszudrücken."
Mohamed Amjahid, Journalist und Mitveranstalter bei Hate Poetry

Den Ärger runterschlucken, es auf sich beruhen lassen, ist nicht sein Ding. Wie für die meisten Journalisten gehört es für ihn dazu, auf Leserpost einzugehen. Manchmal reicht schon eine einfache Rückfrage, was genau an dem Beitrag störe, um das Gegenüber verstummen zu lassen. "Oft sind die Leute auch richtig überrascht, wenn ich ihnen schreibe". Einige entschuldigen sich sogar oder kommen mit "Ups, das war nicht so gemeint."

Allerdings ist das längst nicht bei allen so. "Einem Viertel etwa", sagt Mohamed Amjahid, "ist nicht mehr zu helfen." Und dieses Viertel landet dann ganz bestimmt auf der Bühne bei der nächsten Hate Poetry.