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Die Zahl der politisch motivierten Straftaten nahm im letzten Jahr zu. Den Konfliktforscher Andreas Zick überrascht das nicht: In Krisenzeiten entstehen neue Feindbilder und die Gewaltbereitschaft steigt.

Insgesamt 44.692 Straftaten erfasste das Bundeskriminalamt: Die Zahl rechtsextremistischer Straftaten erreicht einen neuen Höchststand. Politisch motivierte Gewaltdelikte haben um fast 20 Prozent zugenommen. Jeden Tag kommen durchschnittlich 123 Fällen politisch motivierter Gewalt in Deutschland hinzu.

Andreas Zick, Professor und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, überraschen die Zahlen nicht. Seit Jahren gebe es einen Anstieg, der Trend setze sich fort. Die Pandemie sei eine Krisenzeit, und in einer solchen entstehen Gruppen, die Konflikte und Gewalt suchen würden. Auch rücke die Aggressivität stärker in die Mitte der Gesellschaft.

"Wir müssen eben auch sehen: Pandemie-Krisenzeiten sind Zeiten, wo Gruppen den Konflikt, die Gewalt, die Aggressivität suchen."
Andreas Zick, Professor und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Rechtsextreme Gruppen beispielsweise hätten seit Jahren eine Ideologie des Wiederstandes, den es auf der Straße und in den Parlamenten zu zeigen gelte. Die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen seien attraktiv für extremistische und für rechtsextreme Gruppierungen, sagt Andreas Zick.

In solchen Zeiten würde sie versuchen, sich an der Spitze einer sogenannten Widerstandsbewegung im Volk zu zeigen. Das tun sie auch gegenwärtig, indem sie die Allianz zu Corona-Leugner suchen.

Die neuen Verschwörungsgruppen

Seit zwei Jahren zeigen alle Studien zum Thema die neuen Verschwörungs-Gruppen auf, sagt Andreas Zick. Wer an Verschwörungserzählungen glaube, habe auch eine höhere Billigung von Gewalt, wenn sie der Durchsetzung eigener Ziele dienen. In der Pandemie, in der unsere Rechte real eingeschränkt werden, sei es für populistische, rechte Gruppen leichter, Bürgerinnen und Bürger in ihrer Ohnmacht abzuholen.

"Wer Verschwörungs-Glauben teilt, hat auch eine höhere Billigung von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Ziele."
Andreas Zick, Professor und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Schon zu Beginn der Pandemie habe es einen Anstieg im Bereich der Hass-Gewalt gegeben. Die Forschung wisse, dass Krisen mit einer Steigerung von Alltagsrassismus einhergehen. Darauf hätte man eigentlich besser vorbereitet sein müssen, sagt Zick.

Es gebe keine Demo, ohne dass bestimmte Personen und Gruppen als Feindbilder genannt werden. So sei auch damit zu rechnen gewesen, dass mit der Pandemie neue Feinbilder aufgebaut würden – antisemitische, politische, aber auch die Wissenschaftsfeindlichkeit habe zugenommen.

Gewalt schon im Vorfeld bekämpfen

Um der Gewalt nicht länger hinterherzurennen fordert der Konfliktforscher Präventivkonzepte. "Da hätte in den letzten Jahren mehr passieren müssen", sagt Andreas Zick.

"Wir müssen präventiv denken. Das bedeutet, dass wir diese massiven Feindbildern früher ernst nehmen müssen, die in unserer Gesellschaft kursieren."
Andreas Zick, Professor und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Um der Gewalt vorzubeugen brauche es beispielsweise auch ein Krisenmanagement in den Kommunen – also dort, wo Gewalt stattfinde. Dazu gehöre auch die Aufarbeitung von Straftaten.

Die Zahlen des Bundeskriminalamts würden auch nur die Fälle zeigen, die zur Anzeige gekommen sind. Im Dunkelfeld, sagt Andreas Zick, passiere noch viel mehr, auch im Internet. Auch diese Taten müssten ans Licht kommen.

Der Konfliktforscher betrachtet auch mit Sorge, dass sich in der Gesellschaft offensichtlich Normen verschieben und Gewalt und Aggressivität stärker gebilligt würden. Hier müsse auch die Zivilcourage gestärkt werden, denn oft komme es zu Gewalt, auch weil Menschen nicht rechtzeitig eingreifen würden.