Der Ausbau der Windenergie ist fast zum Erliegen gekommen. Auch, weil Bürgerinitiativen immer öfter klagen - und das mit Erfolg, weil sie einen Vogel entdeckt haben: den Rotmilan. Doch der profitiert nur bedingt durch Ihren Einsatz.

Der Rotmilan ist schon ein sehr besonderer Vogel. Er kommt fast nur in Deutschland vor. Das ist ganz selten, "weil normalerweise alle Vögel, die in Deutschland vorkommen, auch anders in Europa vorkommen“, sagt Lars Lachmann. Er ist Leiter der Ornithologie und des Vogelschutzes beim NABU.

"Über die Hälfte der Weltpopulation lebt in Deutschland, das heißt, wenn der Vogel in Deutschland aussterben würde, würde es schlecht um den Vogel stehen. Das heißt, wir haben eine ganz große Verantwortung für den Rotmilan."

Weil dieser Vogel so besonders ist, trägt Deutschland eine besondere Verantwortung für ihn. Aber auch dafür, die Energiewende mit Hilfe von Windkraftanlagen umsetzen, um die Erderwärmung abzumildern, die den Rotmilan ebenfalls bedroht. Und darin liegt das Dilemma. Windkraftanlagen sind ein Problem für den Rotmilan, weil er beim Jagen nach unten schaut und deshalb besonders oft mit den Anlagen kollidiert.

Artenschutz oder Energiewende

"Der Konflikt liegt darin, dass er einer der Vogelarten ist, der kollisionsgefährdet ist. Das heißt, indem er nach unten schaut beim Jagen, ist er besonders oft davon betroffen, dass er mit Windkraftanlagen kollidiert, weil er sie gar nicht sieht."

Die Enden der Rotorblätter drehen sich mit zu 700 km/h. Genaue Zahlen über verendete Vögel gibt es zwar nicht. Die Vogelwarte Brandenburg, die seit 2002 Windkraftopfer zählt, geht aber von aktuell knapp 500 Rotmilanen aus. Sowohl Kathrin Ammermann als auch Lars Lachmann, die sich beide darum kümmern, Windkraft und Vogelschutz in Einklang zu bringen, wundern sich darüber, wie viele Menschen sich in letzter Zeit für den Rotmilan interessieren, obwohl sie vorher wenig mit Artenschutz zu tun hatten.

"Es gibt inzwischen auch erste Untersuchungen und Berichte, dass das Thema Artenschutz gerne genutzt wird, um Windparks zu verhindern."
Kathrin Ammermann, Bundesamt für Naturschutz, Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien

Viele Menschen fühlen sich durch den Neubau von Windkraftanlagen belästigt. Wenn aber der Abstand zur Siedlung stimmt und auch sonst alles rechtens ist, bleibt den Windkraftgegnern oft nur noch eine Option. Nämlich das Bundesnaturschutzgesetz und das darin enthaltene Tötungsverbot. "Das absichtliche Töten von streng geschützten Vogelarten ist verboten und da gehört der Rotmilan zu", sagt Kathrin Ammermann.

Schlagschatten, Vibrationen, Infraschall

Windkraftgegner halten deshalb oft Ausschau nach Rotmilanen, um neue Windparks zu verhindern. Ein Windpark ist allerdings nur dann an einer Stelle nicht zulässig, wenn das Tötungsrisiko signifikant erhöht ist. Die NABU-Landesverbände erhalten oft unaufgeforderte Rotmilan Sichtungen. Und gleichzeitig die Bitte, gegen einen bestimmten Windpark zu klagen, erzählt Lars Lachmann. Seine Kollegen finden dann aber häufig: nichts.

"Deswegen ist der Rotmilan auch für solche Leute interessant, die Windräder verhindern wollen, denen der Rotmilan eigentlich egal ist, die aber wissen, dass wenn sie sonst mit ihren Argumenten ans Ende geraten sind, dann immer noch ein Artenschutzargument in der Hand haben, wenn sie in dem Gebiet, in dem der Windpark geplant ist, noch einen Rotmilan finden."
Lars Lachmann, Vogelschutzexperte NABU

Windkraftanlagen an ungünstigen Standorten bedrohen den Rotmilan. Bürgerbewegungen, die ihn instrumentalisieren aber auch. Denn der Klimawandel sorgt definitiv dafür, dass sich die Lebensbedingungen wandeln, sagt Kathrin Ammermann. Mit Computermodellen wird versucht, zu modellieren, wer bei einer Erwärmung zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt. "Im Prinzip kam bei unserer Studie heraus, dass es in der Summe mehr Verlierer gibt, als Gewinner und insgesamt eben Lebensraum verloren geht", sagt Katrin Ammermann.