In der Fußball-Bundesliga könnte es demnächst mal Spiele mit, mal ohne Publikum geben. Und das hat möglicherweise Konsequenzen für den Spielausgang. Stichwort "Heimvorteil". Aber: Gibt es den überhaupt?

Fußballer und Fußballerinnen betonen immer wieder, wie wichtig es sei, die Fans im Rücken zu haben. Dabei ist es wissenschaftlich gesehen schwierig zu sagen, welchen Einfluss die Fans tatsächlich auf das Ergebnis der Spiele haben. Den Heimvorteil aber, den gibt es, sagt Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln. Das hat er mit seinem Kollegen Christian Unkelbach schon vor einigen Jahren untersucht.

"Also anhand der Ergebnisse von Kollegen von mir und auch unseren eigenen, muss man klar sagen, dass der Einfluss der Zuschauer systematisch überschätzt wird. Das heißt, die Zuschauer haben den geringsten Einfluss, wenn überhaupt einen Einfluss auf den Ausgang eines Fußballspiels."
Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln

Der Einfluss der Fans insgesamt werde zwar überschätzt, sagt Daniel Memmert. Trotzdem: Zur Einführung der Fußball-Bundesliga in den 1960er Jahren lag die Quote an Heimsiegen konstant bei 55 bis 60 Prozent.

In den letzten Jahren gab es jedoch immer weniger Heimsiege - inzwischen liegt die Quote nur noch bei circa 45 Prozent. Der Heimvorteil ist also kleiner geworden, obwohl es ihn noch gibt. Warum das so ist, sei schwer zu sagen. Daniel Memmert vermutet, dass die Anreisen früher komplizierter oder länger waren.

Geisterspiel-Spieltage mit mehr Auswärtssiegen

In der abgelaufenen Saison wurden die letzten neun Spieltage komplett ohne ZuschauerInnen absolviert. Auffällig bei den Ergebnissen der ersten Liga: Es gab plötzlich wesentlich mehr Auswärts- als Heimsiege. Ob die fehlenden Fans dafür jedoch wirklich verantwortlich sind, könne man nicht sagen, so Daniel Memmert. Denn gerade, wenn man nur auf Ergebnisse achte, lasse sich der Heimvorteil schwer bemessen. Zwischen einem 1:0-Sieg und einem 1:1-Unentschieden liege oft nur eine glückliche oder unglückliche Aktion.

Sinnvoller sei es daher, den Heimvorteil an der Anzahl geschossener Tore festzumachen. Und wenn man die ersten beiden Bundesligen dabei zusammennimmt, habe sich da der Wert ohne Fans insgesamt nicht allzu sehr verändert. Dazu bildeten die Spiele eine viel zu geringe Datenbasis, um Schlussfolgerungen zu ziehen.

Zwei Faktoren entscheidend für den Heimvorteil

Bei den Gründen für den Heimvorteil sieht Daniel Memmert im Wesentlichen zwei Faktoren, die eine Rolle spielen. Das eine ist die Vertrautheit - wenn man "zuhause" spielt, im bekannten Stadion. So etwas könne Stabilität, Sicherheit und Vertrauen geben. Doch wie sich das genau auswirkt, sei schwer zu bemessen. Im Gegensatz zu einem anderen Faktor: Dem Schiedsrichter.

"Wir haben auch Experimente dazu gemacht und können ganz klar zeigen, dass der Schiedsrichter sich von Zuschauergeräuschen systematisch beeinflussen lässt."
Daniel Memmert, Sporthochschule Köln

Die Schiedsrichter haben die wohl schwierigste Rolle auf dem Platz. Sie müssen versuchen, alles aufmerksam zu verfolgen. Und sich dabei nicht von den Spielern oder einer hitzigen Atmosphäre im Stadion beeinflussen zu lassen. Das gelingt jedoch scheinbar nicht immer. Die Schiedsrichter zeigen so dem Auswärtsteam im Schnitt mehr gelbe Karten als der Heimmannschaft.

Fans beeinflussen den Schiri

Der Einfluss der Fans auf die eigene Mannschaft könnte also kleiner sein, als viele sich das erhoffen - dafür haben sie aber nachweisbar einen Einfluss auf den Schiedsrichter.

Wenn in den nächsten Monaten also einige Vereine aufgrund eines erhöhten Infektionsgeschehens ohne Fans antreten müssen, kann das tatsächlich einen Einfluss auf die Spiele haben. Doch eine Wettbewerbsverzerrung sieht Daniel Memmert da nicht.