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Nixon, der Dunkelmann, Kissinger, die Lichtgestalt. So, sagt unser Redner, wird die Zusammenarbeit zwischen dem US-Präsidenten Richard Nixon und seinem Außenminister Henry Kissinger in den 70ern oft beschrieben. Zu Unrecht, meint er. Der Amerikanist und Historiker Bernd Greiner zeichnet ein wenig vorteilhaftes Bild des Staatsmannes Kissinger.

Greiner hat im Herbst 2020 eine Biografie unter dem Titel: "Henry Kissinger. Wächter des Imperiums" vorgelegt. Motiviert war Greiners Beschäftigung mit seinem Forschungsobjekt durch eine Frage, die auch in der Gegenwart relevant ist: Wie definiert ein Land wie die USA seine Rolle in der Welt, militärisch, und diplomatisch? Sucht es Kooperation oder Weltherrschaft?

"Was macht eine Ordnungsmacht wie die USA, wenn ihr die Ordnung entgleitet?"

In seinem Vortrag skizziert er Kissingers Bildungsweg und beleuchtet, was und wer dessen politisches Denken beeinflusst hat. Dabei beschreibt er Kissingers Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Harvard University und seine ersten Schritte auf politischem Terrain.

"Havard war damals eine, wie es hieß, 'cold war university', ein Leistungszentrum des Kalten Krieges."

Für seine Biografie hat Greiner unter anderem die sogenannten white house-tapes ausgewertet. Nixon ließ Gespräche in den Räumen des Weißen Hauses über eine Abhöranlage aufzeichnen, auch Kissinger misstraute er. Berge von Material liegen vor.

"Diese Tonbandprotokolle zeigen auf einzigartige Weise die Atmosphäre im Weißen Haus, die Abgründe von Intrige, Misstrauen und Zwietracht."

Laut Greiner belegen die Aufzeichnungen, dass Kissinger ein Höfling gewesen sei. Insgesamt kommt er zu einem wenig vorteilhaften Bild des Außenministers. Er attestiert ihm eine "gedankliche und intellektuelle Armut". Kissingers Leitlinien seien die Folgenden gewesen:

  • America first. Stabilität = US-amerikanisches Übergewicht
  • Wer Führung will, braucht den Willen zur Gewaltanwendung
  • Macht beruht auf Angst. Die eigene Sicherheit erfordert Unsicherheit auf der Gegenseite

Als Greiners Biografie im September 2020 erschien, gab es begeisterte Kritiken ("exzellent", SZ) wie auch Verrisse, etwa den von Stephan Bierling in der FAZ vom 22.9.2020. Der Rezensent und Politikwissenschaftler wirft dem Autor darin Einseitigkeit und "größtmögliche Distanz" vor. Auch aus diesem Grund ist die Diskussion nach Greiners Vortrag interessant. Denn darin berichtet der Autor von der Annäherung an seinen Untersuchungsgegenstand, also von der Recherche und der Auseinandersetzung mit dem gefundenen Material.

Bernd Greiner ist Historiker und Amerikanist. Bis zu seiner Emeritierung hat er am Historischen Seminar der Universität Hamburg gelehrt. 2020 erschien sein Buch "Henry Kissinger. Wächter des Imperiums". Seinen Vortrag mit dem Titel "Amerikanische Krisen. Zeitgemäßes zu Henry Kissinger" hat er am 15. Juni 2021 auf Einladung des Einsteins Forums Potsdam online gehalten und im Anschluss mit der Direktorin des Hauses, Susan Neiman, diskutiert.