In Großstädten helfen Menschen seltener als Menschen in Kleinstädten. In der Sozialforschung lassen sich für das unterschiedliche Verhalten mehrere Indikatoren festmachen. Nichthelfer sind aber nicht per se schlechte Menschen.

Ob wir anderen helfen oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Forscher schauen genau auf die Persönlichkeit, die Kultur, das Geschlecht oder die Stimmung - natürlich auch aufs Umfeld. Es ist wie ein Puzzle, das zusammengesetzt werden muss, sagt die Sozialpsychologin Niesta Kayser. Ihr ist wichtig, dass man sich zur Beurteilung auch den Kontext der Person anschaut. Beispielsweise gibt es Studien darüber, ob Menschen einem Obdachlosen eher auf dem Land helfen oder eher in der Stadt.

"In der Regel helfen Menschen in Großstädten weniger. Das liegt an der reizüberladeneren Umgebung."
Sozialpsychologin Niesta Kayser über das Helfen

Menschen, die nicht helfen, sind nicht per se schlecht. Je mehr Zuschauer es gibt, desto zurückhaltender sind wir offenbar. Das hat mehrere Gründe: Einer ist die Angst, sich zu blamieren. Ein anderer Grund ist das Urteil der anderen. Wenn jemand am Boden liegt und die anderen auch nur gleichgültig und betreten gucken, kommen wir möglicherweise zu dem Urteil, dass es sich hier gar nicht um einen Notfall handelt.

"Man hat herausgefunden, dass sich die Anzahl der Zuschauer vermindernd auf den Impuls helfen zu wollen auswirkt."
Sozialpsychologin Niesta Kayser über das Helfen

Das Paradoxe ist: Je mehr Menschen anwesend sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man helfend eingreift. Es ist auch gut möglich, dass derselbe Mensch, der in der Großstadt nicht geholfen hat, in der gleichen Situation auf dem Land eingreifen würde. Wer zu denjenigen gehören will, die helfen, sollte bereit sein, die Situation selbstständig zu beurteilen und Verantwortung zu übernehmen; sich nicht auf das Urteil anderer verlassen, sondern selber handeln, rät die Sozialpsychologin.