Unser Gehirn spielt uns etwas vor: Wir glauben, etwas zu wissen, tun es aber gar nicht. So ein bisschen Vorwissen ist aber doch besser als nichts? Jein. Nur, wenn es eine gewisse Schwelle überschreitet, hat ein Forschungsteam aus den USA jetzt nachgewiesen.

In vielen Themenbereichen kennt ihr euch vielleicht so ein bisschen aus, seid aber eben noch nicht wirklich tief in die Materie eingestiegen. Ihr besitzt also das berühmte "fundierte Halbwissen".

Fundiertes Halbwissen

Ein Forschungsteam um Tenaha O'Reilly wollte wissen, wie viele Vorkenntnisse nötig sind, um Zusammenhänge tatsächlich zu verstehen und zu durchdringen. Ergebnis: Erst, wenn unser Vorwissen eine bestimmte Schwelle überschreitet, trägt es merklich zum Verständnis bei. Die Studie ist im Fachmagazin Psychological Science veröffentlicht worden.

Die Forscher des ETS (Educational Testing Service) haben mehr als 3500 jugendliche Protagonist*innen eingespannt. Den Neunt- bis Zwölftklässlern wurde ein englischsprachiger Sachtext über Ökosysteme vorgelegt und die Forscher haben geschaut: Verstehen die Proband*innen überhaupt, was sie da lesen?

Entscheidend: Kenntnis von Schlüsselbegriffen

Wichtig für das Verständnis eines Textes ist die Kenntnis von Schlüsselwörtern, von Fachbegriffen. Diese Kenntnis wurde vor der Lektüre des Textes abgefragt: Die Proband*innen sollten angeben, welche Begriffe (aus einer Liste mit 44 Wörtern) mit dem Fachgebiet Ökologie zu tun hatten und welche nicht.

"Die Proband*innen, die unter 60 Prozent der Fachbegriffe kannten, bildeten sich zwar ein, sie könnten den Text verstehen, taten es aber nicht."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Die Proband*innen, die etwa 60 Prozent der Fachbegriffe richtig zuzuordnen wussten, hatten beim späteren Textverständnis wenig Probleme. Die anderen Teilnehmer*innen bildeten sich zwar ein, sie könnten den Text verstehen, taten es aber nicht wirklich.

Wenn wir "nur" - oder eben je nach Betrachtungsweise: "immerhin" - ein paar Begriffe wissen, können wir uns einbilden, dass wir mit dem Thema schon irgendwie klar kommen, erklärt Henning Beck.

Unser Hirn baut Denkmodelle auf

Doch unser Hirn speichere nicht lediglich nur einzelne Begriffe ab, wie auf einer Festplatte. Sondern es baue sich Konzepte und Denkmodelle auf. Und wenn dafür die Begriffe fehlen, dann können wir uns zwar vorstellen, dass wir etwas begriffen haben – das ist aber gar nicht der Fall.

"Es gibt kein 'gesundes Halbwissen', sondern - wenn ihr unter einem Schwellenwert bleibt - nur 'ungesundes Halbwissen'."
Henning Beck, Neurowissenschaftler