Weil Hirntote eigentlich Sterbende sind und in ihnen körperliche Prozesse ablaufen, müssen Ärzte sie nach bestimmten Kriterien als tot erklären. Dabei würden Ärzte aber zu viele Fehler machen, sagen Kritiker.

Nach einer Statistik der Deutschen Stiftung Organtransplantation sei innerhalb von drei Jahren bei acht Organspendern der Hirntod formal nicht richtig diagnostiziert worden. Allerdings sei in allen Fällen der Fehler aufgefallen, bevor es zur Organentnahme kam. Die Durchführung der Diagnose sei klar geregelt, erklärt die Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin. Die Gesellschaft fordert, dass mindestens ein Neurologe oder Neurochirurg mit langjähriger Erfahrung in der Intensivmedizin und Hirntoddiagnostik beteiligt sein soll. Bislang sei das nicht vorgeschrieben. In einem offenen Brief an die Bundesärztekammer haben Mediziner 2014 nun strengere Regeln für die Hirntoddiagnose gefordert.

"Der Arzt muss Erfahrung im Umgang mit schwer schädelhirnverletzten Patienten haben. Das ist aber so schwammig formuliert, dass in der Praxis ein Arzt, das auch zum ersten Mal machen kann."
Thomas Liesen, DRadio-Wissen-Reporter

Wie stellt der Arzt fest, dass das komplette Hirn abgestorben ist? Bei einer klinischen Untersuchung werden unter anderem die Reflexe getestet wie die Bewegung der Pupillen. Zusätzlich kann der Arzt mit einem Elektro-Enzephalogramm (EEG) Hirnströme messen und so feststellen, ob noch Aktivitäten im Gehirn vorhanden sind.

"Das Problem ist: All diese Tests sind für sich genommen nicht hundertprozentig zuverlässig."
Thomas Liesen, DRadio-Wissen-Reporter

Ein Null-Linien-EGG kann aber auch dadurch entstehen, dass der Patient zuvor sedierende Medikamente oder Narkotika eingenommen hat. Das muss der Arzt bei seiner Untersuchung berücksichtigen. Außerdem haben Mediziner bei Wachkomapatienten festgestellt, dass bei ihnen durchaus noch Hirnaktivitäten gemessen werden konnten, obwohl sie kaum noch Reaktionen haben. Und bei jedem zehnten bis zwanzigsten Patienten zeigten sich während der Organentnahme Reaktionen wie Ansteigen des Blutdrucks, sagt Thomas Liesen. Daher empfehle die Schweizer Akademie der Wissenschaft, Hirntote vor der Organentnahme zu narkotisieren. In Deutschland wird ohne Narkose operiert, da die Mediziner davon ausgehen, dass Hirntote keine Schmerzen empfinden können.

"Ich glaube, dass Hirntote keine Leichen sind, dass sie dann aber tatsächlich bei der Organentnahme sterben. Wobei ich betonen möchte, diese Menschen sind totgeweiht, in aller Regel werden diese Menschen nicht mehr aufwachen."
Thomas Liesen, DRadio-Wissen-Reporter

Als tot gilt ein Mensch, wenn er die typischen Todeszeichen wie Totenflecke und Totenstarre aufweist. Dieser Zeitpunkt ist aber für die Organspende zu spät. Die Transplantation von Organen setzt voraus, dass die Organe noch intakt sind. Dies ist bei Hirntoten der Fall. Ihre Temperatur ist normal, die Haut rosig, sie haben Ausscheidungen, schwitzen. Doch laut Definition für Hirntod, sind alle Aktivitäten ihres Groß-, Klein- und Stammhirns erloschen - irreversibel. 1968 formulierte eine Kommission der Harvard Medical School diese Definition. Der Hirntod gilt somit als ein weiteres Todeskriterium.

Nur wenige eignen sich als Organspender

Laut Transplantationsgesetz müssen zwei qualifizierte Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Der Hirntod wird bei rund 4000 Menschen jährlich diagnostiziert, die im Krankenhaus sterben. Zum Vergleich: In Deutschland sterben jährlich rund 900.000 Menschen, davon circa 400.000 im Krankenhaus. Somit wird bei rund 1 Prozent der Todesfälle im Krankenhaus der Hirntod festgestellt oder weniger als 0,5 Prozent aller Todesfälle kommen überhaupt als Organspender in Betracht. 2012 waren nur knapp 1050 Hirntote überhaupt in eine solchen Zustand, dass eine Organentnahme möglich war.

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